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  • arabo-andalusische Lyrik
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Texte aus der Alhambra von Ibn Zamrak

Löwenbrunnen

Silbernes Nass, das zwischen Juwelen, blendendem Weiß und ungetrübter Schönheit fließt, die nicht ihresgleichen kennt.
Wasser und Marmor werden beim Anblick eins, und wir wissen nicht, wer von den beiden munterer fließt.

Siehst du nicht, wie das Wasser hier entlang strömt und, ohne aufgehalten zu werden, sich in den Rohren verbirgt?
Wie die Augenlider eines Liebenden, voll von verborgen gehaltenen Tränen, aus Angst, entdeckt zu werden.

Was ist es, wenn nicht eine Wolke, die ihren Segen über die Löwen ergießt?
Wie die Hand des Kalifen, die sich am Tage ausstreckt, um die Löwen des Krieges mit Gaben zu überschütten.
Oh Du Betrachter, die Ehrfurcht vor dem Kalifen verbietet es den Löwen, die auf der Lauer liegen, ihre Bösartigkeit zu zeigen.

O direkter Nachkomme der Ansar, dein glanzvolles Erbe gibt dir die Macht, alle niederzuschmettern, die sich Macht anmaßen!
Der Friede Gottes sei ewig mit dir, bei Verbreitung der Freuden und in der Heimsuchung der Feinde.

La Gahlib ailla-l-alah ( nur Allah ist Sieger)

Sala de los dos hermanas

Nie sah man einen duftreicheren Garten mit schöneren Blumen, so voll von Früchten. Gib zweimal mit dem Geld in der Hand die Summe, die der Kadi der Schönheit dir geschenkt hat.
Dann wird dir der Zephyr am Morgen zehn Dirham aus Licht in die Hand legen, was ausreicht für die Steuer, und auf den Zweigen des Gartens werden Dinar der Sonne erscheinen, um eine Girlande zu winden.

Mexuar

Hier fliegen die Vögel der Hoffnung, die Früchte der Lust aufzulesen im Garten der Herrlichkeit.

Im Patio des Generalife

In Wahrheit, wir haben dich als Zeugen und Boten und Warner geschickt, damit ihr an Gott glaubt, ihm dient und ihn liebt, und ihn beim Morgengrauen und beim Abendwerden verherrlicht. In Wahrheit leisten diejenigen die dir einen Treueid leisten, Gott einen Treueid, und die Hand Gottes ist über ihren Händen, und wer das Bündnis verletzt, verletzt es zum eigenen Schaden, aber wer dem Bündnis treu ist, dem wird Er eine hohe Belohnung zuteil werden lassen.

Über Granada

Eine Krone auf Granadas Stirn ist die Sabika, es wünschen die Sterne, von ihr ein Teil zu sein.
Ein Rubin ist die Alhambra im Zenit der Krone.
Die Gnade Gottes ruhe allzeit auf Ihr!
Der Generalife ist ihr Thron, ihr Spiegel der Grund der Teiche.
Ihr Ohrgehänge, das sind die Perlen aus Tau.


Sein schöner Mund

Ich sitz am Fuße eines Baumes in reicher Laube.
Der Nordwind neckt den Baum.
Der neckt ihn spielend wieder, denn er ist trunken
Vom Gesang der Taube und schlürft die Wolke aus.
Sie beugt sich nieder.

Der Stern des reinen Weines steigt empor.
Der junge Tag bereitet sich Vergnügen, und
Da die Vögel singen rings im Chor,
lässt er die morgenroten Fahnen fliegen.

Der Garten zeigt ein leuchtendes Gesicht: die
Schatten bilden seine schwarzen Haare, sein schöner Mund ist dort, wo das klare
Wasser lächelnd in die Gräser flicht.

Und bis zum Abend klingt das Lied der Taube
Und alle Zweige tanzen her und hin-
Ich freu’ mich über sie. Und über mich freut sich die Laube, weil ich in meinem garten glücklich bin.

Ibn Chafadscha 1080

Der Guadalquivir

Wie schön ist dieser Fluss! Ich nahe seinen hellen
Gewässern lieber als den Lippen schöner Frauen.
Er ist ein Armband, das auf grünen Auen
die Blumen weiß wie Sternenmilch umquellen.

Dann wird er flach wie eine Silberschale,
die du zur Schau gelegt auf bunte Festgewänder.
Die Blütenzweige überneigen seine Ränder
wie schöne Wimpern blaue Augopale.

Und wenn die müde Sonne ihn golden überspinnt,
wird er dem Weine gleich, den ich genieße,
bis Fluss und Licht und Wein ein Goldgewebe sind.
Leis` in den Blättern spielt die Abendbrise.

Ibn Chafadscha 1080

Sonnenaufgang

Lang war die Nacht und träg der Tag, zum Aufbruch sich zu rüsten,
die Sterne klagten schon, dass sie so lange warten müssten;
doch endlich blies der Morgenwind hinweg die dunkle Hülle,
und aus den Gärten ringsum stieg der Blumendüfte Fülle.
Im Osten rieb, vor Scham erglüht, von Schüchternheit befangen,
die Morgenröte nach und nach die taubenetzten Wangen.
Im Fliehen schritt von Stern zu Stern die Nacht im Himmelsraume,
und löschte sacht sie aus mit ihres Mantels Saume.
Dann aber kam die Sonne selbst im strahlenden Gefunkel,
verkündet jubelnd ihren Sie über das nächt´gen Dunkel.

Ibn Scharaf 1050

Die Nacht

Sie trug den schwarzen Schleier. Sterne küssten
Die blitzgewordenen Säumereien darin;
Die Nacht war schön wie eine Negerin
Mit frischen roten Wunden auf den Brüsten

Abu Mohammad Ibn Atiya 1108

Die Nacht

Ach, möge Allah segnen jene seel´ge Nacht,
da wir uns in der Gärten Schoß versteckten,
als uns der Hügel seine Brise dargebracht
und alle Rosen ihre Düfte für uns weckten.
Die tauben gurrten uns ein Lied. Die Myrtenzweige
Umhüllten unser Liebe heiß Verlangen,
als wir in ihrem Schutz an jenes Tages Neige
in inniger Umarmung uns umfangen.

Abu Dschafar 1150

Die Nacht

Ich denk an diese Nacht zurück mit Sorgen.
Weil sie nicht wiederkehrt. Die Herrin mein
goß mir den Wein ins Glas vom Abend bis zum Morgen
Mit ihrer schlanken Hand aus Elfenbein.

Sie bog sich wie ein Zweig, wenn sie sich mir gesellte,
und war noch schöner als der runde Mond.
Alle Genüsse bauten um uns ihre Zelte
Und gnädig hat das Unglück uns verschont.

Wollt ihr die Lippen süß mit Küssen füllen?
Der Laute lauschen mit verzücktem Ohr?
Wenn sie auch tausendfach die Wünsche stillen:
Sie tauchen nur mit neuer Kraft empor.

Ibn Labbun 1070

Sevilla

Oh grüßt Sevilla mir, wo in den Jugendtagen
mich schlanke Mädchen küssten, die Schatten glitten
und braun und blond mir tief das Herz durchschnitten,
kaum kann die Qual der Sehnsucht ich ertragen.

Und nächtlich brachte mir am Uferweg des Flusses
ein Mädchen, dessen Halsband halbmondrund,
mit Zauberaugen Wein. Beglückt versank mein Mund
bald im Getränk, bald in der Blut des Kusses.

Dann fiel der Umhang ab, und sie enthüllte
der Glieder Pracht, geschmeidig wie die Weide,
ließ ihre Knospe öffnen und erfüllte
die Blüten meine Wünsche weich wie Seide.

Al Mutamid 1060

Andalusien

Dies Land ist eine Jungfrau. Die Gewänder sind
rings mit Frühlingsblumen bunt bestickt.
Der Himmel liebt sie heiß, wie ein Verschwender,
der sie mit seinen gaben reich beglückt.

Die Blitze sind der Schlag von seinem Herzen
und seine Tränen spenden warmen regen.
Sie aber lächelt dir aus tausend Blütenkerzen erliebt entgegen.

Ibn Sara 1095

Das Paradies

Das Paradies liegt in Al Andalus.
Die Tage sind wie ein Lächeln.
Und die Nächte, sie runden sich wie Lippen dir zum Kuss.
Ein jeder Duft ist eine Liebesflechte,
wie sehne ich mich nach Al Andalus.


O wüßten alle Könige

Wie ich mich einst auf jeden Festtag freute,
so fürcht` ich ihn im Kerker von Aghmat.
Die Töchter hungern, tragen Lumpenstaat
Und spinnen Wolle für die fremden Leute

Dann kommen sie und geben mir die Hand
Und wünschen frohes Fest und senken ihren hohlen
Verzweiflungsblick auf ihre nackten Sohlen,
als hätten Kämpfer sie und Moschus nie gekannt.

Auf ihren bleichen Wangen ist kein Licht.
Sie sehn mich an und wagen kaum zu sprechen.
Es ist heut Feiertag. Ich soll das Fasten brechen.
Mit fehlt das Brot. Und nur mein Herz zerbricht.

Einstmals gehorchte mir das Schicksal blind,
wenn ich befahl. Jetzt muss ich ihm parieren.
O wüssten alle Könige, die jetzt noch froh regieren,
welch eitlen Träumen sie verfallen sind.

Al Mutamid 1060

Ich bin ein alter Mann

Lasst mich allein. Ich will in meinem Weh
Die Verse meiner Jugend leise sagen.
Und wo ich nichts von Euren Freuden seh,
die meine ausgetretne Spur beklagen

wie trüb ist meiner Jugend Edelstein.
Wenn ich ihn schlage, gibt er zwar noch Funken,
doch kann er keinem Reisig Glut verleihn.
Des Lebens Süsse ist für mich versunken.

Ich bin ein alter Mann. Doch seh ich einen jungen,
der Jagd macht auf die lieblichen gazellen,
dann packen heiss mich die Erinnerungen,
und die Begierde ist nicht abzustellen.

Kommst Du zu Schukar, Wanderer, bleibe stehen
An jenem Uferhügel vor der Tamarinde,
und spielt ihr Zweig verträumt im Abendwinde,
dann segne sie. Sie hat viel Glück gesehen.

Ibn Chafadscha 1080

Mein Haar wird grau

Sie sprach:“Ich bin die Deine. Greife zu.
Verlass dein Bett und schlaf` auf meinen Knien.“
Ich strich die Schenkel ihr und sprach.“Zur Ruh`
Ward mir kein schöner Kissen je verliehen.“

Sie sprach:“Warum so keusch wie im Gebet?
Liebst Du mich nicht? Bin ich Dir denn zuwider?“
„Mein Haar wird grau. Und Nach Vergnügen steht
Der Sinn nicht jedem meiner Glieder.“

Abu el Hassan Al Husri 1145

Ich küsste einmal

Mich frug ein Freund, wie viele Lebensjahre
Bereits auf meinen Schultern ruhten.
Ich sprach:“Im höchsten Falle zwei Minuten.“
Er wies bestürzt auf meine weißen Haare.

Da sagte ich:“wir müssen klar erkennen,
wie sich verteilt des Lebens Wert und Maß.
Ich küsste einmal so, dass ich es nie vergaß.
Den Rest der Erdenzeit kann ich nicht Leben nennen.“

Al Mutamid 1060

Wir können nicht zurück

O Palmenbaum, Du bist verwaist wie ich
In einem Lande, da Du fern von deinesgleichen.
Du weinst, und Deine Blätter rauschen sich
Die Klagen zu, die mein Gemüt erweichen

Du sprächest auch, wär` Sprache Dir beschieden,
vom >Euphrat und dem Palmenhain zu Haus.
Wir können nicht zurück. Der Hass der Abbassiden
Trieb mein Geschlecht in alle Welt hinaus.

Abd Ar Rahman I. 760

Die Blättermäntel

Zu unsern Häuptern formte die Platane
Tauselig einen weiten Baldachin,
zu Füssen uns ein Bach wie Himmelssahne,
weil ihm die Blüten ihre hellsten Sterne lieh.

Der Baum trug einen Gürtel um die Hüften
Und glich mit seinen Blüten einer braut,
die man mit Hab und Gut und Putz und Düften
der Hochzeitsgäste wegen aufgebaut.

So stand mein Garten auch den Gästen offen.
Wer folgt nicht gerne der Schattenpfade Lauf?
Der Kaufmann kam mit den gestreiften Stoffen
Und der Parfumverkäufer brach den Moschus auf.

Die Blüten prangten und die Vögel sangen.
Die Bäume aber spendeten uns Ruh`
Sie sprengten Tau auf unsere heissen Wangen
Und knöpften würdevoll die Blättermäntel zu.

Ibn Chafadscha 1080

Dann tropft der Honig…

Es neigt der Feigenbaum die schweren Zweige
Fast hätte sie der Früchte Last gebrochen
Doch endlich wir die überreife Feige
Von einem Frührotstrahle aufgestochen.

Dann tropft der Honig aus der reifen Wunde
In dünnen Fäden, sonnengoldumsäumt,
so wie der süße Speichel aus dem Munde
der Vilegeliebten träufelt, wenn sie träimt.

Ibn Chafadscha 1080


Mein Blick sieht deinen Leib

Bist du ein Engel oder bist du Fleisch und Bein?
Es fällt mir schwer, dein Wesen zu erklären:
Mein Blick sieht deinen Leib. Doch denkend seh` ich ein:
Du musst ein Wesen sein aus höhern Sphären.

Drum preis ich Allahs herrliche Erfindung,
die dich zu einem Lichtgeschöpfe machte,
das Harmonie und seelische Verbindung
zu uns hernieder auf die Erde brachte.

Wärn meine Augen nicht, die mit Gewalt
Mich neu zu deinem Menschentum bekehren,
so würde ich mit deiner himmlischen Gestalt
die edle Reinheit der Vernunft verehren.

Ibn Hazm 1120

Sie bog sich wie ein Zweig

Ich denk an diese Nacht zurück mit Sorgen,
weil sie nicht wiederkehrt. Die Herrin mein
goß mir den Wein ins Glas vom Abend bis zu Morgen
mit ihrer schlanken Hand aus Elfenbein.

Sie bog sich wie ein Zweig, wenn ich mich ihr gesellte,
und war noch schöner als der runde Mond.
Alle Genüsse bauten um uns ihre Zelte,
und gnädig hat das Unglück uns verschont.

Wollt ihr die Lippen süß mit Küssen füllen?
Der Laute lauschen mit verzücktem Ohr?
Wenn wir auch tausendfach die Wünsche stillen:
Sie tauchen nur mit neuer Kraft empor.

Ibn Laabun 1060

Ich bin ein Zweig

Ihr nett die rebe sündig. Doch ich sage ihr: du Schöne
Füllst meine Augen an mit Dunkelheit und Licht.
Du machst zuweilen krank. Doch stille Töne
Formst du in meinem Herzen zum Gedicht.

Wenn ich auch stark wie ein Gebirge bin:
Ich zittre wie ein Zweig, wenn Schönheit mich bestrickt.
Zu Groben bin ich grob, vor Zarten schmelz` ich hin
Und achte nicht darauf, ob sich das schickt.

Ich hasse steife Menschen, die sich so korrekt
Betragen und die Welt zu tadeln wissen.
Sie haben nie der Liebe Lust entdeckt.
Ihr steinern Herz hat keine Glut zerrissen.

Sie sehn die Tauben nicht und nicht die Schmetterlinge
Und wissen nicht, wie süß ein Reim sich gibt.
Mein Herz ist zarter als die schärfste Klinge
Und hasst die Niedrigkeit, wie es die Schönheit liebt.

Bald bin ich traurig, bald verspielt, bald ist mein Sinn
Voll Schabernack, bald weine ich voll Reue
Ob meiner Sünden, bald begehr` ich neue,
doch immer bin ich ehrlich der ich bin.

Ich bin ein Zweig, der Tau und Blüten trägt,
den leicht die Brise hin und her bewegt.

Ibn Abd Rabbihi 1100


Die letzte Ode

Von Hafis ( 1310-1389) auf seinem Sterbebett, eingelassen auf seiner Grabplatte in Schiras, übersetzt von Goethe.

Wann naht die Stunde der Glückseeligkeit,
die mich entrücken soll dem Erdenleben,
dass, wie ein heiliger Vogel ich, befreit
vom Dunst der Welt, zum Himmel kann entschweben.

Nimm mich als Liebenden, als Sklaven auf!
Ich will mich deinem Dienste ganz ergeben.
Was schert mich Welt – und Zeitenlauf!
Sie sind mir nichts, denn dir nur gilt mein Streben.

Doch naht dein Fuß sich dereinst meiner Gruft,
bring Sänger mit und Saft der Reben!
Dann will ich mich, berauscht von diesem Duft,
aus Grabesnacht zum Tanze froh erheben.

Ihr aber, meine Genien, mögt im Chor
voll Anmut mich sodann umschweben!
So schwingt den Hafis´Seele sich empor,
weit über diese Welt und dieses Leben.

©cg