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  • Weimar 2009
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Warum nicht einmal ein Buch empfehlen?

Da fiel dem Rezensenten 2009 eine Buchbesprechung zum 250ten Geburtstag von Friedrich Schiller auf.

Rüdiger Safranski: „Goethe und Schiller“.

Unsere geistigen Wurzeln liegen nun einmal u.a. im deutschen Idealismus, verkörpert in den Brüdern Humboldt, Fichte, Wieland, Goethe und eben Schiller. Einfach formuliert, in der Weimarer Klassik.

Auf dem Weimarer Denkmal wirken die beiden wie eine Beschwörung, die tief in die Vergangenheit reicht und weit hinaus in die Zukunft. Beide hatten ein antikes Menschenideal im Sinn, und sie haben früh formuliert, was auf dem Weg in die Moderne verloren gehen wird.

Beide sind für Safranski Schwellenfiguren. Schiller erahnte in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung „ die Zerrissenheit des Menschen in der neuen Zeit, in der jeder nur noch der Abdruck seiner Tätigkeit“ sei, während Goethe mit seinem „Faust“ den rastlosen, von Erlebnishunger und Sensationen gepeitschten Menschen beschwor.

Beide sind auf ihre Art gründlich missverstanden worden von den Deutschen, teilweise auf groteske Art:
Schiller als Dichter des bieder Bürgerlichen, Goethe als Repräsentant des deutschen Reiches.

Horroibile dictu!

Andere Nationalliteraturen haben Ihren Shakespeare, Voltaire, Cervantes, Puschkin, Dante. In Weimar sind es zwei, die sich zu einem Projekt zusammengeschlossen haben:
zur ästhetischen Erziehung der Nation, die es jedoch gar nicht gab.

Es gibt nur diese beiden und sonst lange nichts. In Ihrem Umkreis noch. Wieland, Humboldt, Fichte, Hegel, Kant.

Goethe als Genie der Intuition, Schiller als das der Reflexion, gemeinsam angetreten, um ein Ideal zu beschreiben, das bis heute leuchtet: die Versöhnung von Vernunft und Natur, von Pflicht und Neigung, von Stil und Persönlichkeit.

Die Zentrale Frage beschäftigte beide: Was fangen wir mit unserer Freiheit eigentlich an? Sind wir nur verblödete Konsum-Maschinen oder wollen wir mehr von uns? Zu Ende gedacht, beschäftigt sich dieser deutsche Idealismus der Klassik mit anthropologischen Meditationen über das, was wir können und was wir von der Kunst erwarten dürfen:

Nämlich Selbsterziehung. Sapere aude! Hat Kant treffsicher formuliert.

Erst spät haben sie sich kennen und schätzen gelernt. Beide beschäftigte die Frage: Woher kommt der Mensch, und was macht ihn aus? Ist der Mensch nur ein biologisches Programm oder eine autonome Setzung? Ist er frei oder ferngelenkt? Welche Rolle spielt die Kunst?
Goethe ist über Schillers Erkenntnishorizont begeistert. Beider Korrespondenz wird Gründungsdokument der Weimarer Klassik.

Gemeinsam formulieren sie ästhetische Prinzipien. In den Briefen “zur ästhetischen Erziehung“ wird Schiller klar, dass der Mensch nur mit den Mitteln der Kunst zu sich selbst gelangen kann. „Er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“

In der gemeinsamen philosophische Skizze „ über epische und dramatische Dichtung“ spiegelt sich ihre Beschäftigung mit der Bühnenkunst. Das Theater soll ein besonderer Ort sein, ein Gegenwelt zum Alltag bilden. Durch mitfühlende Anteilnahme soll das Theater aus uns bessere Menschen machen.

Die Weimarer Klassik fand im Kopf statt. Sie blieb von langem Zauber.

Der Geist von Weimar sollte vieles heilen helfen.

Eine vergebliche Hoffnung, wie wir heute wissen.

Dieser Weimarer Geist wurde in Buchenwald endgültig zertrümmert.

©cg
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