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Der Fundamentalismus

oder der Aufstand gegen die Moderne

Ein Gespenst geht um in Europa...

Es ist aber alles andere als nur ein Spuk in den deformierten Hirnen jener, die Unverstandenes flink benennen und damit Gegner ins Abseits drängen müssen.

Mit dem Begriff soll stigmatisiert werden, was sich in die eingespielten Abläufe heutiger Routinen nicht einfügen lässt.

Dieses Gespenst ist in erster Linie ein Hirngespinst.
Gebildete und vor allem Ungebildete an allen Orten der Erde haben sich ihm ergeben:
In Kreuzberg und Grunewald, Teheran und Algier, Jerusalem und Texas, Bagdad und Singapore, Rom und den Kleinstädten des Bibelgürtels in den USA.

Eines ist ihnen allen gemeinsam:
Die Weigerung, die Zumutungen von Aufklärung und Moderne als Gesetz ihres Denkens anzunehmen.

Auf die Frage, was ist Aufklärung? Hat Immanuel Kant geantwortet: „ Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude!“

Die Aufklärung, die den Menschen auf sich selbst geworfen hat, vertausendfachte die Umwälzungen und hat alles hinweggefegt, womit Menschen sich zum Schutz gegen Orientierungslosigkeit und Ohnmacht umgeben hatte.

Zerstört wurde das Recht auf unerschütterliche Gewissheiten über das, was einer ist, wie er die Dinge zu sehen hat und über das, was für ihn zu erhoffen ist. Das Selberdenken war dem Menschen abgenommen.

Die Aufklärung und die Moderne haben gründlich alle diese Gewissheiten und beschaulichen Nischen beseitigt, die aus Machtgelüsten in Jahrtausenden zuvor geschaffen wurden.

Im Lichte der aufgeklärten Vernunft löst sich somit von selber auf, was keine überzeugenden Gründe für sich in Feld führen kann.

Die Aufklärung hat durch die Auflösung inhaltsleerer Traditionen und eingekrusteter Lebensformen Freiheiten geschaffen und somit die Chance zum Selbstdenken und Selbsthandeln erst ermöglicht. Sie hat durch die Überwindung von tradierten Hierarchien und Rechten mehr Menschen als je zuvor in der Geschichte eine reale Chance der Freiheit gebracht.

Dabei wurden aber alle Grenzzäune eingerissen, die auch stützende und leitende Geländer waren, wurden Krücken zertrümmert, mit denen Bedürftige gehen konnten.

Mit der Eröffnung der via moderna des mittelalterlichen Nominalismus durch Duns Scotus und Wilhelm von Ockham im 12. Jahrhundert geschah folgendes: War vorher die Welt in ihrem göttlich begründeten Kosmos übersichtlich, erkannte man nun, dass der erkennende Mensch gleichzeitig auch der Erzeuger von Begriffen ist. Vorher war der Begriff von Gott in die Welt gesetzt.

Nun zweifelte man an der Zuverlässigkeit menschlicher Denkoperationen. Daraus folgte logischerweise, dass es grundsätzlich keine Erkenntnisgewissheiten mehr geben kann, denn der Mensch kann irren, Gott nicht. Dieser „moderne“ Weg des Denkens führte zu Descartes, der erkannte, dass der Mensch sich die Welt „ denkt“. „Cogito, ergo sum“.

Ebenso sah es Kant: Die Konstruktion der Welt hängt ab von den Denkkategorien, in denen der Mensch sich selbst gefangen häl.

Die Moderne, die mit den mittelalterlichen Nominalisten beginnt und mit Kant endet, wird so zu einer langandauernden Epoche der grundsätzlichen Ungewissheit. Die christliche Religion, die nicht mehr allgemeingültige und allein selig machende Verbindlichkeit war, sah sich plötzlich einem Begründungszwang ausgesetzt.

Dazu kam, dass sie durch das Auseinanderbrechen in gleichlegitime Konfessionen unter Berufung auf die selben Quellen von jedem selbst überprüft werden konnte. So wurde die geistige Beglaubigung und die soziale Grundlage der mittelalterlichen Einheit von Religion und Gesellschaft gesprengt.

Durch die Kopernikanische Wende gibt es keine absoluten und endgültigen Wahrheiten mehr. Religion wurde zur Möglichkeit unter vielen anderen Optionen und daher begründungspflichtig.

Die Neoromantik des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts als Opposition gegen Technik und Industrie begründete insbesondere in Deutschland eine verhängnisvolle Suche nach einem deutschen Sonderweg kulturellen Tiefsinns gegen die vermeintliche Oberflächlichkeit der Zivilisation.

Neue Werte der Natürlichkeit, Sinnlichkeit und Regionalkultur verbreiteten sich rasch. Die Jugendbewegung brach auf, um ein einfaches Leben mit der unmittelbar erfahrbaren Natur zurückzugewinnen.

Die politische Rechte verband die rückwärts gewandte Sehnsucht nach einem verloren geglaubten Paradies und damit ihre Zivilisationskritik mit Motiven, die gegen die Substanz der kulturellen Moderne selbst gerichtet waren. Hier lagen auch antiliberale Motive, eine Verachtung von Vernunft, Demokratie und Toleranz.

Die selbsternannten Erben fanden reichlich Beute. Sie hätten ihre verhängnisvolle Chance nie bekommen, hätten sie nicht tiefverwurzelte zivilisationsfeindliche Traditionen für ihre Zwecke instrumentalisieren können.

1933 war so der kompromissloseste fundamentalistische Aufstand gegen die Kultur der Aufklärung.

So erweist sich der Fundamentalismus auch und vor allem als Fluchtbewegung.

Auch in der islamisch geprägten Welt wird eine uralte Kultur und Religion, die sich in mühsamen Wandlungsprozessen der Neuzeit zu öffnen begonnen hatte, auf puren Buchstabenglauben zurückgeworfen.

Kompromissfurcht und widerspruchslose Rechtfertigung despotischer Gewalt wird zum Gesetz für alle, die sich dieser Flucht zurück verweigern. Enttäuschte, hilf- und orientierungslose Menschen werfen ihre Autonomie von sich wie lästigen Ballast, um sich in neue Hörigkeiten zu begeben.

Auch in den immer aggressiver werdenden Gruppierungen Israels wird fanatischer Buchstabenglaube zum Gesetz des Lebens. Hier im Nahostkonflikt stehen sich zwei verfeindete Fundamentalismen gegenüber, deren einzige Kommunikationsform mittlerweile nur noch Gewalt, Terror und blindwütige Vernichtung ist.

In der amerikanischen Provinz zuerst im 19. Jahrhundert aufgetreten, verweigerte sich fanatischer Buchstabenglaube trotz aller besseren Erkenntnis, um seine Selbstgewissheit nicht preisgeben zu müssen. In den USA galt und gilt der Liberalismus als Unheil in der Welt.

Christlich und fundamentalistisch waren die USA seit ihrer Gründung zur Zeit der Aufklärung immer gewesen. Denn gerade diese Epoche trieb das fundamentalistische christliche Europa in die Neue Welt, in das neue Israel. Hier herrschte eine eigentümliche Spannung vor: Toleranz aus schlechter Erfahrung im alten Europa und intolerante Leidenschaft zur selbsternannten Mission. Die eigene Moral wurde und wird über allen Pluralismus hinweg für die maßgebende Moral der Welt gehalten.

Die enorme Diskrepanz zwischen der aufgeklärten Religiosität der Gründerväter und der dumpfen Bigotterie der Farmer brach im 19. Jahrhundert auf. Die rasante Urbanisierung und die forcierte Industrialisierung verschärfte die unterschiedlichen Weltbilder untertäglich. Hier die Infragestellung nationaler Identität durch den Pluralismus der Einwanderungswellen, dort die Gegenwehr der soziokulturellen Provinz gegen die vermeintlichen Bedrohungen der eingewurzelten Lebenswelten.

Der strikte Bibelglaube als unverrückbarer Rahmen der Interpretation der Welt geriet bedrohlich ins Wanken. Und auf diese Wunde legte sich der Fundamentalismus wie erlösender Balsam mit weltweitem Missionsanspruch.

Das Wort „ Fundamentalismus“ tritt zuerst in einer Schriftenreihe in Erscheinung, die 1915 unter dem Titel „ the fundamentals“ erschien. Protestantische amerikanische Christen hatten diese Reihe herausgegeben.

Sie gründeten 1919 die „ worlds christian fundamental association“.

Damit war der Begriff Fundamentalismus für die Art christlicher Gläubigkeit geboren und hat sich als wissenschaftlicher Fachbegriff seitdem durchgesetzt.

Er war zuerst eine Reaktion auf den beginnenden Prozeß der Modernisierung von Religion. Es ging um die buchstäbliche Unfehlbarkeit der Bibel und die Gewissheit, dass es in der Bibel keinen Irrtum geben kann.

Alle Wissenschaft ist nichtig und falsch, soweit sie der Bibel nicht entspricht. Eine Trennung von Religion und Staat wird nicht akzeptiert.

Im sogenannten „ Affenprozess“ 1925 verlangten die Fundamentalisten die Beseitigung der Darwinschen Evolutionslehre aus dem Biologieunterricht der Schulen.

Da die wörtliche Geltung der Bibel der absolute Maßstab war, galt Darwin als Blasphemie und als Angriff auf die göttliche Ordnung. Die Fundamentalisten wollten gerichtlich durchsetzen, was alle anderen wissen durften und für wahr zu halten hatten. Der angeklagte Lehrer wurde wegen Blasphemie zu lebenslangem Berufsverbot und drei Jahre Gefängnis verurteilt.

Fortan wurde die biblische Schöpfungsgeschichte im Unterricht verankert. Erst 1963 wurde durch den obersten Gerichtshof die Verfassungsrechte durchgesetzt. Schulgebet und Bibellektüre wurden aus dem Unterricht ferngehalten.

Diese Provokation führte zu fundamentalistischen Privatschulen, hemmungslose fundamentalistische Fernsehkampagnen folgten. Sie dauern in dem mittlerweile auf ein Netz von 240 Bibelsendern gewachsenen Komplex bis heute an.

In den 70er Jahren griff dann die religiöse Rechte der moral majority nach der Macht. Besonders unter Präsident Reagan wurden politische Positionen unmittelbar aus dem göttlichen Willen der Bibel abgeleitet.( Armagedon steht uns bevor)Intelligent design.

Der säkulare Humanismus sei die Hauptquelle aller gesellschaftlichen Verderbnis. Sexualkundeunterricht führe zu hemmungsloser Promiskuität und Aids. Gemeinschaftssport nötige Kinder zu unmoralischen Kontakten. Private Schulbuchprüfungsinstitute starten alljährlich inquisitorische Kampagnen und organisieren autodafes ( actus fidei =lat.: Akt der Glaubenstreue =Bücherverbrennungen).

In der aktuellen „ islamischen Renaissance“ hat sich dieses Phänomen ebenfalls eingebürgert, allerdings nicht in diesem alles umfassenden Ausmaß. Zudem liegen die Wurzeln gänzlich woanders.
Dennoch: in den fanatischen Kreisen herrscht absoluter Wahrheitsanspruch der „ heiligen „ Texte. Verdammung westlicher Wissenschaft, Forderung nach Einheit von Religion und Staat verbindet sich mit Kritik gegen importierte westliche „ Modernität“, weil die eigene kulturelle Identität gefährdet erscheint.

Fazit:
Was hebt den sogenannten Fundamentalismus der islamisch geprägten Welt gegenüber diesen globalen Erscheinungsformen deformierten Denkens als so besonders hervor?
Meinen wir mit dem undifferenzierten und auf die Welt des Islam eingeengten Stigmatisieren letzten Endes uns selbst?

Werden nicht die oben benannten Frustrationen gar auf eine neues Feindbild projiziert, nachdem das alte seit den 90er Jahren spurlos in sich verpuffte?
Hier liegt ein seit Menschengedenken bekanntes Verhaltensmuster vor:

Indem ich den anderen stigmatisiere, lenke ich von den gleichen Vorwürfen gegen mich ab.


Weiterführende Informationen unter www.wikipedia.org/wiki/Fundamentalist.. und weitere 288 000 Einträge in Google

©cg