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  • Vortrag Botschafter Afghanistans
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Quo vadis Afghanistan?

Ein Vortrag des Botschafters der Islamischen Republik Afghanistan in Berlin,
Prof. Dr. A. Rahman Ashraf am 8.10.2013 In der Rüsternallee 34

Sehr geehrter Herr Dr. Hedtstück, sehr geehrter Herr Groß
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bedanke mich bei dem Verein zur Förderung von Studierenden der Berliner Hochschulen e.V. und insbesondere bei Herrn Groß, die mich eingeladen haben, heute abend bei Ihnen zu sein, um etwas über mein Land Afghanistan zu erzählen, und Ihre Fragen zu beantworten.
Afghanistan wird oftmals als das „Herz Asiens“ beschrieben und es war einst der Knotenpunkt der historischen Seidenstraße und kann daher als Brückenkopf zwischen Zentral- und Südasien angesehen werden.

Obwohl Afghanistan als Bergland keinen Zugang zum Meer hat, gilt es dennoch als Leuchtturm der Region, da man aus Afghanistan Einblicke in jedes Land Asiens erhält. Historisch betrachtet verfügt Afghanistan aus diesen Gründen über einen attraktiven geostrategischen Charme, der in der Vergangenheit oftmals Begehrlichkeiten fremder Nationen erweckte. Viele Armeen marschierten durch Afghanistans Täler und Steppen, und die damit verbundenen zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen stellen ein dunkles Kapitel in der afghanischen Geschichte dar.

Die Menschen in meinem Land haben sich niemals externer Macht und Gewalt gebeugt und gaben nie auf, für ihre Rechte und ihre Freiheit zu kämpfen. Diese hervorragende Überlebensstrategie trug dazu bei, daß das britische Empire im Rahmen des Rawalpindi-Abkommens die afghanische Nation am 19. August 1919 als souveränen Staat anerkannte. Seitdem hat Afghanistan als unabhängiger Staat in der Weltgemeinschaft seinen Platz etabliert. Seit dieser Zeit hat Afghanistan viele Höhen und Tiefen erlebt.

Wir haben mit Widerstand und Ausdauer historische Ereignisse geschaffen und haben bewiesen, daß Afghanistan nicht mit roher Gewalt und grausamer Unterdrückung zur Aufgabe und Kapitulation gezwungen werden kann.
Unser Land mag arm sein, ist aber dennoch reich an Geschichte und Kultur. Meine Landsleute mögen unendlich viele Schicksalsschläge und Tragödien erlebt haben, sie sind aber dennoch Meister der Zuversicht und Lebensfreude geblieben.

Afghanistan stellte durch die geographische Lage jahrhundertelang eine Kreuzung für Transport- und Handelswege dar. Es wurde dadurch zu einem Treffpunkt verschiedener Kulturen, die die heutige „Einheit in Vielfalt“ in unserem Land bildet. Trotz aller Rückschläge und Schwierigkeiten – und speziell solcher in den letzten Jahren, Monaten und tagen – zeichnet Afghanistan und seine Freunde auf der Suche nach einer friedlichen Zukunft eine Beharrlichkeit aus, die ihres Gleichen sucht.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie waren in diesen vergangenen 30 Jahren Zeugen der jüngsten Herausforderungen: während des kalten Krieges in den 80er Jahren, den darauffolgenden Befreiungskämpfen, der späteren blutigen Auseinandersetzungen und der Befreiungsaktion durch die internationale Gemeinschaft. In den letzten 12 Jahren hat die internationale Gemeinschaft mit ihrer großartigen militärischen Unterstützung und wirtschaftlichen Förderung eine hervorragende Arbeit geleistet. Erstmals in der Geschichte unseres Landes wurden ausländische Soldaten von der Mehrheit der Bevölkerung als Befreier und nicht als Besatzer wahrgenommen.

In diesen Jahren hat Deutschland den Tod von 53 Soldaten und den Tod von 4 Entwicklungshelfern zu beklagen. Sie haben während ihres Einsatzes durch barbarische Übergriffe von Terroristen ihr Leben gelassen. Die Afghanen verstehen die Schmerzen der Eltern und Angehörigen, da sie während des kalten Krieges über 2 Millionen Angehörige selber verloren haben. Heute gibt es über 1 Million Kriegsversehrte und der Rest der Bevölkerung, alt wie jung, ist schwer traumatisiert.

Lieber Gott, hilf uns für Frieden und Vernunft in der ganzen Welt!
Die Afghanisch-Deutsche Beziehung blickt auf mindestens ein Jahrhundert zurück. Für unsere deutschen Freunde, die uns großzügig im Laufe der Jahrzehnte unterstützt haben, gibt es einen speziellen Platz im Herzen der Menschen in Afghanistan. Das hundert Jahre alte Band der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Nationen ist stark und fest.

Meine Damen und Herren,
„Wie sicher ist die Zukunft Afghanistans?“ oder anders gesagt „Quo Vadis Afghanistan?“. Auch hier müssen wir uns an die wahrhaft historischen Erfolge erinnern, die wir gemeinsam durch das Engagement der Vereinten Nationen und ihrer Mitgliedsstaaten in den letzten 12 Jahren in Afghanistan erzielt haben. Diese letzten 12 Jahre zählen trotz der gewaltigen Anfangsschwierigkeiten und Missstände zu der Zeit mit den größten Fortschritten und positivsten Errungenschaften Afghanistans. Es wurde sehr viel erreicht, worauf Deutschland, die internationale Gemeinschaft und die Afghanen stolz sein können.
Die Zuschüsse und Darlehen der 34 OECD-Mitgliedsstaaten an alle Entwicklungsländer betrugen im Jahr 2010 128,7 Milliarden US$. Davon wurden für Afghanistan 5% bereitgestellt, das waren 6,2 Mrd US% in 2009. Man muß bedenken, daß davon nur 20 % durch den afghanischen Haushalt umgesetzt wurden, während die Geber mit dem Rest der Gelder selbst Projekte geplant und umgesetzt haben.

Mit diesem Geld wurde viel erreicht. Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen:
- Die Wirtschaft wurde angekurbelt, so daß sich das durchschnittliche Jahreseinkommen der Afghanen seit 2002 mehr als verdoppelt hat.
- Immer mehr Jugendliche kommen in den Genuß von Bildung. Es gibt mittlerweile landesweit 9000 neu gebaute Mädchen- und Jungenschulen. Die Zahl der Kinder, die eine Schule besuchen, ist in den letzten 12 Jahren von 1 Million auf 9,3 Millionen gestiegen. Der Anteil der Frauen ist in den Schulen Afghanistans von Null in 2001 auf 40% in 2013 gestiegen. Allerdings muß man auch sagen, daß bisher nur 28% der Afghanen im Alter über 15 Jahre lesen und schreiben können. Das Bildungsniveau ist weiterhin sehr niedrig.
- Während unter den Taliban im Jahre 2001 Afghanistan nur über 3 staatliche Universitäten mit ca. 8000 männlichen Studenten verfügte, studieren heute in 31 staatlichen und 82 privaten Hochschulen mehr als 160 000 Studenten, davon 38% Frauen, die dazu noch zu den herausragendsten Studierenden gehören. Die Zahl der afghanischen Studenten im Ausland beläuft sich auf mehr als 10 000. Jährlich kehren von diesen im Ausland hoch ausgebildeten Studenten mehr als 1000 in ihre Heimat zurück. Ca. 25-30% der Staatsbediensteten, inklusive der Polizei und des Militärs bestehen aus Frauen und im Parlament sind ca. 35% Frauen vertreten. Im afghanischen Kabinett haben wir 3 Ministerinnen und in der Provinz Bamyan sogar eine Gouverneurin. Auch sind 2 Frauen als Präsidentinnen im afghanischen Roten Halbmond und im Komitee für Menschenrechte tätig. Letztere ist sogar Trägerin des alternativen Nobelpreises von 2012. Außerdem haben 2 Frauen ihre Missionen als Botschafterinnen begonnen. Das alles ist in der afghanischen Geschichte einmalig.
- Heute haben 65% der Afghanen freien Zugang zum Gesundheitssystem. Die Lebenserwartung ist um 50% gestiegen.
- Die Geberländer haben 312 Millionen US$ in Wasserprojekte investiert, so daß sich die Zahl derjenigen, die Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, verdoppelt hat. Ebenso wurde das Abwassersystem erheblich verbessert.
- Mehr als 4,6 Millionen Afghanen haben Strom, die Zahl hat sich seit 2002 verdreifacht.
- Afghanistan hatte, laut einem UN-Bericht, die schnellste Entwicklung im human-development-index in den letzten 10 Jahren weltweit.
- Das Wirtschaftswachstum erhöhte sich von 7,1 MRD.US$ in 2006 auf 15,6 MRD. in 2010. Das entspricht einem durchschnittlichen Wachstum von 9% per annum.
- Im Jahre 2001 betrug das afghanische Pro-Kopf-Einkommen ca. 183 US$, heute ca. 800US$.
- Es ist ein enormes Wachstum im Bereich Luft-Und Landtransport zu verzeichnen. Seit 2002 wurden 2900 KM Straße neu asphaltiert und 6000 km repariert.
- Ein sprunghaftes Wachstum gab es im Bereich Telekommunikation. In diesen Bereich wurden 1,6 MRD.US$ investiert, die Zahl der Nutzer stieg auf 16 Millionen, mehr als die Hälfte der Bevölkerung.
- Der Aufbau der Medienlandschaft zählt zu den besonderen Erfolgsgeschichten. Wo es im Jahre 2001 nur einen einzigen Fernseh-und Radiosender gab, können die Afghanen heute zwischen 75 Fernsehsendern, 175 Radiostationen und bis zu 653 Zeitungen wählen. Die Inhalte sind so vielschichtig wie unser Land und es wird in den Medien durchaus auch kritisch über die Regierung berichtet.
Diese positive gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklung reflektieren die für afghanische Verhältnisse enormen Veränderungen. Wir glauben, daß dies irreversibel ist.
Heute, trotz all unserer Probleme und Herausforderungen, ist Afghanistan eine stolze junge Demokratie. Wir tun alles, um diese historischen Gewinne zu bewahren und die Herausforderungen zu bewältigen und neuen entgegenzusehen. Die Afghanen lassen nicht zu, daß die dunklen Tage der tiefen Isolierung der 1990er repetiert werden.

Nach 12 Jahren einer starken Partnerschaft mit der internationalen Gemeinschaft übernehmen die afghanischen Menschen allmählich und stetig die Verantwortung für all ihre Angelegenheiten –von der Sicherheit über die Wirtschaft bis hin zum politischen Prozeß. Der andauernde Prozeß der Übertragung von Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Staatssicherheitskräfte ist auf dem richtigen Wege und geht entsprechend weiter. Heute mit der fünften Phase ist die Transition fast vollendet, die Sicherheit der Bevölkerung wird bis zu 85% von afghanischen Soldaten und Polizisten und Polizistinnen erbracht. Diese Transition wird die afghanische Souveränität und das Selbstvertrauen stärken und uns der Unabhängigkeit näher bringen.
Bis Ende 2013 sind alle Sicherheitsaufgaben an ANSF (Afghanistan-National-Security-Forces) übertragen. Ende 2014 sind alle internationalen Truppen wieder in ihrer Heimat und zu ihren Familien zurückgekehrt – mit der Ausnahme von denjenigen Kräften, die aufgrund von bilateralen Abkommen mit der afghanischen Regierung vor Ort bleiben. Der Rückzug der Kampftruppen der internationalen Gemeinschaft markiert nicht das Ende der Zusammenarbeit mit Afghanistan, sondern wir werden unter veränderten Rahmenbedingungen unsere langfristige strategische Zusammenarbeit fortsetzen. Wir sind sicher, daß die ANSF – vorausgesetzt, sie erhalten 2014 die notwendige Ausrüstung und Weiterbildung sowie eine angemessene Finanzierung – für Sicherheit sorgen und gegen externe Bedrohungen verteidigen kann.

Wir sind der NATO, der ISAF und allen unterstützenden Ländern für das Versprechen von 4,1 MRD: US$ pro Jahr nach 2014 sehr dankbar. Wie während der historischen Bonner Konferenz im Dezember 2011 vereinbart wurde, wird Afghanistan weitere Unterstützung der internationalen Gemeinschaft für das Jahrzehnt nach 2014 benötigen – für die Sicherheit in Afghanistan, der Region und darüber hinaus. Wir glauben, daß dieser Betrag ausreicht, um zu finanzieren, auszubilden und die afghanischen Streitkräfte auszurüsten, aber nur, wenn es über den afghanischen Staatshaushalt mit der richtigen Verantwortlichkeit, Transparenz und der angemessenen internationalen Aufsicht getan wird.

Ausgehend von unserer langfristigen Partnerschaft mit der internationalen Gemeinschaft, sind wir stolz darauf, den Abschluß einer Reihe von wichtigen bilateralen Verträgen mit einigen unserer wichtigsten Freunde und Verbündeten, darunter Deutschland, Indien, Australien, Frankreich, Italien, Norwegen und den USA gemacht zu haben. Wir freuen uns auf die Unterzeichnung separater Partnerschaften mit der EU, der NATO und anderen Ländern. Die Partnerschaftsabkommen werden die Grundlage für ein souveränes Afghanistanengagement nach 2014 mit unseren Verbündeten und Partnern sein.

In Afghanistan gibt es auch einen wirtschaftlichen Übergang. Obwohl das Wirtschaftswachstum in 2011 nur 11 % betrug, so war es doch höher als die meisten Erwartungen. Wir erkennen, daß nach Abzug der Truppen das Wachstum der afghanischen Wirtschaft sich stark reduzieren wird. Wir sind uns im Klaren, daß die finanzielle Unterstützung und die internationale Entwicklungshilfe für Afghanistan im Laufe der nächste Jahre reduziert wird.
Wir sind zuversichtlich, daß wir, wenn diese Gelder gut verwaltet werden, den Übergang zu einer selbständigen, nationalen afghanischen Wirtschaft, Wachstum und Entwicklung durch Investitionen von außen erfolgreich und nachhaltig gestalten können. Ich spreche u.a. von Investitionen in den Bereichen Bergbau, Landwirtschaft, Dienstleistungen, Transport und Handel. Wir sind auch dankbar für die Finanzierung von über 16 MRD US$ für die nächsten vier Jahre so, wie es in der Juli-Konferenz 2012 in Tokio vereinbart wurde.

In Afghanistan wird es 2014 ein wichtiges politisches Ereignis geben – die Präsidentschaftswahl. Es ist das zweite Mal in unserer Geschichte, daß es offen ist, wer Präsidentin oder Präsident wird. Dies ist ein wichtiger Test und eine historische Chance für die afghanische Nation, unsere junge Demokratie zu konsolidieren und eine langfristige politische Stabilität zu sichern. Die Zehn Jahre von 2014 bis 2024 werden sicherlich schicksalhafte Jahre für die Zukunft Afghanistans sein. In dieser schwierigen Zeit werden wir stark auf die wirtschaftliche, technische und wissenschaftliche Unterstützung unserer internationalen Freunde angewiesen sein.

Die Zukunft Afghanistans hängt an drei Gottesgaben:
1) Geologische Bodenschätze
2) Landwirtschaft
3) Die geographische Lage
Mit unseren reichlichen und vielfältigen Bodenschätzen und der nahen Lage am Verbrauchermarkt könnten wir neue goldene Zeiten finanzieren. Wir müssen aber sehr vorsichtig sein, daß wir nicht die Fehler anderer Länder wiederholen, die auch reich an Bodenschätzen sind, aber heute zu den ärmsten Ländern der Welt zählen. Weitere Quellen für eine goldene Zukunft Afghanistans sind Wasser, Land und Klima für die Landwirtschaft, insbesondere für den Obst- und Gemüseanbau. Auch hier müssen wir den bestehenden Marktanteil halten und neue Nischen explorieren.

Die geographische Lage gibt uns eine Brückenfunktion zwischen Norden und Süden sowie Westen und Osten. Hier müssen wir die Transitstraßen, die Eisenbahnen, die Stromleitungen, die Pipelines und die Flughäfen priorisieren und dürfen dabei auch den Tourismus nicht außer Acht lassen. Durch neu entstehende Arbeitsplätze, multilaterale Energieprojekte und damit verbundene größere Steuereinnahmen man einen dauerhaften Frieden in Afghanistan und der gesamten Region erzielen. Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß Afghanistan noch einen langen und steinigen Weg für Frieden und den Wiederaufbau vor sich hat.

Afghanistan braucht weiterhin Ihre Hilfe, es muß mehr in die junge Generation Afghanistans investiert werden, und auf die wichtige Rolle der Frau innerhalb einer progressiven Gesellschaft ein= gegangen werden. Die deutschen Investoren sollten mit bilateralen wirtschaftlichen Abkommen zwischen unseren Ländern z.B. durch Doppelbesteuerung und Hermesbürgschaften ermutigt werden, in Afghanistan zu investieren, um Arbeitsplätze zu schaffen. Mit diesem Vorgehen kann man einer Gefahr von Monopolisierungen vorbeugen.

Afghanistans Platz, als das Herz von Asien, hat ein enormes Potenzial mit der Hilfe von Frauen und Männern einen Prozeß für Frieden und Wohlstand in der gesamten Region und darüber hinaus in die Wege zu leiten.
Ich wünsche mir noch viel mehr Partnerschaften zwischen der jungen Generation Afghanistans und der jungen Generation Deutschlands. Durch Partnerschaftsprojekte zwischen Universitäten, Hochschulen und Schulen sollten noch intensiver gefördert werden, damit unsere freundschaftliche hundertjährige Beziehung noch weitere 100 Jahre bestehen bleibt.
An diesem Punkt möchte ich meine Rede beenden und freue mich auf eine angeregte und interessante Diskussion.
Vielen Dank

(p.s. Prof Ashraf kam als einer der ersten Flüchtlinge während der Besetzung durch die UDSSR in die Bundesrepublik, machte hier sein Abitur, studierte Geologie und war Prof. für Geologie in Tübingen. Nach dem Dienstantritt seines Nachfolgers ist er wieder in Tübingen tätig. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Seinen Vortrag hielt er akzentfrei in fließendem Deutsch)