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  • Von Schlangen und Drachen
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Von Schlangen und Drachen


Ihren ältesten Traum – fliegen zu können, sich von der Erde zu erheben, der Sonne entgegenzuschweben –über lange Zeit dichtete die Menschheit ihn den Drachen, Schlangen und Hexen an.

Was steckte ursprünglich hinter dieser Symbolik?

Drachen und Schlangen waren nicht immer Symbole des Bösen.
Diese Bedeutung bekamen sie erst sehr spät und ausschließlich im Abendland.
In fast allen Religionen und Mythen spielen sie eine wichtige Rolle.

In vorbiblischen Zeiten bedeutete die Schlange vor allem Weisheit, Fruchtbarkeit und Wiedergeburt. Wegen ihrer Häutungen scheint sie das Geheimnis der Unsterblichkeit zu besitzen, wie die Natur, die sich jährlich erneuert.
Man nennt die Schlange den Geist der Unterwelt und glaubt, sie stehe in Verbindung mit den Verstorbenen.

Da die Schlange auf der Erde kriecht und, wie das Wasser, geheimnisvoll aus deren Spalten hervorkommt, scheint sie in alle Gesetze und Geheimnisse der Natur und der Erde eingeweiht.

Wo eine Quelle entspringt, wie in Delphi, wird oft eine heilige Schlange verehrt. Hier lebt die Pythia, bis Apollo sie später als Gott der Vernunft erschlagen wird. Ihre Kultstätte ist ein Brunnen mit heiligem Wasser.


Schlangen und Quellen bilden die Zentren von Mysterienkulten, die es in fast allen Kulturen gegeben hat.
Es sind Kulte, in denen der Kreislauf der Natur verehrt wird. Eine Vorstellung von Ewigkeit, die auch ewige Erneuerung bedeutet. Vor der Entstehung des Apollokultes gibt es in Delphi eine der Gaia geweihtes Heiligtum. Erde, Wasser, Schlangen – alle drei Symbole für Leben und Erneuerung.

Auch in Kreta wurde die Schlange verehrt. Priesterinnen tragen sie in Händen und um den Hals. Mit der Darstellung von gezähmten Schlangen werden die Naturkräfte beschworen. Die Menschen versuchen, ihre Gesetze zu verstehen. Auf dem erdbebenreichen Kreta war die Kenntnis der Natur Voraussetzung zum Überleben. Im gesamten Mittelmeerraum bis hinein nach Afrika und Asien wurden Schlangen in Tempeln gehalten.

Wer hofft, wie die Götter wiedergeboren zu werden, der kann die Frau als Garantin der menschlichen Geburt schwerlich missachten.
Frauen sind die menschliche Verkörperung der Mutter Erde und spielen eine wichtige Rolle im religiösen und gesellschaftlichen Leben fast aller Kulturen.

Erst die Griechen lehnen diese Religion mit ihren Muttergottheiten und ihrem sterblichen Zeus ab. Die Naturreligionen wurden abgelöst von Religionen, die den Wunsch ausdrückten, den Menschen aus seiner Bindung an die Erde zu lösen, also die Sterblichkeit zu überwinden.

Im Abendland sind es die großen Religionen des Monotheismus: Islam, Christentum, Judentum.


Der Wunsch, fliegen zu können, beginnt bezeichnenderweise eine wichtige Rolle zu spielen.
Fabelwesen, wie Hexen, Drachen und Schlangen sollen fliegen können. Man unterstellt Ihnen Kräfte, durch die sich die Natur und ihre Gesetze unterwerfen lassen. Gleichzeitig wurden die Kenntnisse der Natur, die insbesondere die Frauen besaßen, verworfen, etwa die über die Heilkräuter. Die Natur wird zum Chaos deklariert und damit auch jedes ihrer Symbole umgewertet.

Aus der Höhle der Wiedergeburt wird die Hölle der ewigen Verdammnis. Aus der positiven Schlange wird der Alles verschlingende Drache. Letztlich wird die Schlange zum Synonym für die Erbsünde. Sie vertreibt den Menschen aus dem Paradies.

Im Würzburger Dom ist eine Darstellung des jüngsten Gerichts zu sehen: eine Hälfte der Menschheit wird von Petrus in den Himmel geführt. Es sind dies die Vertreter der Stände, ausschließlich Männer. Die andere Seite zeigt die Verdammten, ausschließlich Frauen, von Höllendrachen und Schlangen verschlungen.

Die Mutter Erde hat sich in ein Ungeheuer verwandelt, dessen Umarmung den ewigen Tod bedeutet.

Vorher hatte die Schlange Tod und Wiedergeburt verkörpert, nun verstößt sie der heilige Michael als Verkörperung des irdischen Satans aus dem Himmel. So wird die Schlange, einst das meist verehrte Tier der Naturreligionen, zum Inbegriff der Sünde und der Lüge. Wie die Natur und die irdische Sinnlichkeit Evas verheißt die Schlange nicht Wiedergeburt, sondern Tod.


Das Versprechen des ewigen Lebens liegt jetzt einzig in der überirdischen Keuschheit der christlichen Muttergottes. Die gute Schlange Natur überlebt nur mit wenigen Ausnahmen. Im Äskulapstab der Ärzte hat sich bis heute die alte heidnische Symbolik der Heilbringung erhalten.

Das Christentum verfolgt die Naturheiler, insbesondere dann, wenn es sich um Frauen handelte. Die Kirche warf ihnen vor, ihre Kenntnisse der Natur aus der Verschwörung mit dem Satan zu beziehen.

Die Schlange blieb das Symbol für das Böse, und mit ihr die Frau als Verkörperung des Bösen und der Verführung.

Scheinbar gibt es aber auch in der christlichen Symbolik Frauen, denen es gelingt, das Böse zu bezwingen. Es sind dies jedoch mehr imaginäre als irdische Frauen. Vor allem Jungfrauen wird die Fähigkeit zugesprochen, die gefährlichen Schlangen besiegen zu können.

Die Kirche hat mindestens 14 Frauen vorzuweisen, die als Drachenbebzwingerinnen Heiligenstatus erreicht haben.

Z.B. die Heilige Martha. In der Nürnberger Lorenzkirche steht ihr Altar. Sie hat in Südfrankreich gelebt, wo auch die als Ketzer blutig in Kreuzzügen verfolgten Albigenser lebten. Der bezwungene Drache war das Gleichnis für ihre Sekte. Sie besiegt ihn, indem sie ihn mit Weihwasser besprengt. An ihrem Gürtel, dem Symbol für Keuschheit, führt sie ihn in den Tod.


Jungfräuliche Geburt bedeutet überirdische = göttliche Geburt. Das bedeutet eine Herkunft, die mit allem Irdischen auch die Sterblichkeit besiegt hat. Die Schlange wurde zum Symbol für die besiegte Natur.

Der Wandel vollzieht sich mit der Schrift, durch die Geist und Natur zu Feinden werden. Die Schrift wird zum Transportmittel für die Vorstellung von Zeitlosigkeit.

In der Kultur Mesopotamiens setzt sich die Linearschrift durch und gleichzeitig auch der Glaube, dass der Geist die Macht besitzt, die Natur zu unterwerfen.
Die mittelmeerische Urmutter Thanit wird im babylonischen Schöpfungsmythos zur Verkörperung des Bösen und deshalb auch von ihren eigenen Nachkommen getötet: dem jungen Gotte Melkart/Marduk.

Die männlichen Gottheiten wollen nicht jährlich sterben, um durch ihren Tod und ihre Wiedergeburt den Kreislauf von Leben und Tod zu repräsentieren, sie wollen diesen Kreislauf aufheben.
Marduk/Melkart als Neuordner der Welt nach seinen Gesetzen ist der Vorläufer Jahwes: am Anfang war das Wort.
Der besiegte Drache wird zum Gleichnis seiner Macht, er schmückt die Tore der Städte und Paläste.

Der Mythos der dämonischen Urmutter fließt später in die Figur der thebanischen Sphinx mit ihren tödlichen Ratespielen oder der schlangenköpfigen Gorgo. Schließlich liefert der Mythos der dämonischen Natur den Vorwand für Apollos Tötung der delphischen Schlange. Wo die Urmutter Natur herrschte, errichtet der Gott der Vernunft seinen Tempel, der sich über die Erde erhebt. Das neue Delphi symbolisiert den Sieg des Geistes über die Natur ebenso wie die Geburt der Tragödie.


Ein letztes Beispiel ist die Nibelungensage:
Das Lied entsteht um 600, als das Christentum in Nordeuropa Fuß zu fassen begann. Eine Zeit des Umbruches. Die Legende beschreibt den Untergang der alten germanischen Götter und das Unheil, das daraus entsteht. Der Drache in seiner Höhle ist hier noch Symbol von Weisheit, nicht des Bösen. Als Siegfried mit dem Blut benetzt wird, versteht er die Sprache der Vögel.

Der Drache ist noch der Wächter der Naturgeheimnisse, die er vor den Menschen bewahren muss, damit sie sich nicht für Götter halten. Seine Tötung durch Siegfried bedeutet den Tod der alten Welt und den Beginn des neuen Zeitalters, dessen Helden glauben, die Natur unterwerfen zu können.
Das Epos erzählt die Geschichte ihres Scheiterns. Das Schwert des neuen Zeitalters ist die lateinische Schrift, mit der das Christentum einen einzigartigen Vernichtungsfeldzug führt.
In der germanischen Mythologie noch bringt die Tötung des Drachens Unheil.
In der Zeit der Konquistadoren symbolisieren Drachen und Schlangen die unerforschten Länder. So werden sie zum Aufruf für die Eroberungen. Die Eroberer melden nach Spanien, dass die Indios Schlangen und Drachen als Haustiere halten und sogar essen. Damit wird die Ausrottung von 70 Millionen Indios zur christlichen Pflicht.

Aus dem Schutzheiligen Spaniens Santiago matamoro ( der Maurenmörder) wird Santiago mataindio ( der Indianermörder)

Die katholische Inquisition hatte ein Buch veröffentlicht, den Hexenhammer. Hierin beschwor sie die Gefahr „ durch freidenkerische Frauen“ herauf und leitete den Klerus an, diese gefährlichen Frauen ausfindig zu machen, durch Folter zum Geständnis zu zwingen und unschädlich zu machen.

Darunter zählten alle Frauen, die sich in verdächtiger Weise im Einklang mit der Natur befinden. Sogar Hebammen fielen der Inquisition zum Opfer und wurden getötet, weil sie durch den Einsatz von Kräutern die Pein der Gebärenden zu lindern wussten. War diese Pein doch Gottes gerechte Strafe dafür, dass Eva die Erbsünden über die Menschheit gebracht hatte. Fünf Millionen Frauen wurden deswegen auf die Scheiterhaufen gebracht.

Konstantin der Große hat Jesus erst 4 Jahrhunderte nach der Kreuzigung zum Gottessohn machen lassen. Vorher existierten Tausende von Schriften, die ihn als normalen Sterblichen schilderten. Konstantin gab die Evangeliensammlungen in Auftrag, die apokryphen Texte wurden größtenteils vernichtet.

Wer bei den alten Lehren blieb, wurde als Ketzer verbrannt.. Zur Untermauerung des eigenen Machtanspruches musste aus dem Menschen Jesus der Gottessohn werden.

©cg