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Der Islam

"Bismilah irrahman irrahim
Ashadu anna
la ilaha illa Llah Mohamad meder rasul Allah"

Unser Islambild ist polemisch.
Der Durchschnittsbürger verlangt nach einem Bild, das Vorurteile bestätigt und zugleich den Geschmack nach Sensationen befriedigt.
Wir schauen abschätzig und zugleich mit wachsender Besorgnis auf den Teil der Menschheit, die momentan von sich reden macht.
Der Islam aber als solcher ist den allermeisten gänzlich unbekannt.

Zunächst aber seien einige Vorbemerkungen erlaubt:

Hören oder lesen wir vom Orient, tauchen sofort Assoziationen auf: Sadam Hussein, Khadaffi, Kamele, Ölscheichs, Osama bin Ladin etc....
Es scheint, die vielen selbsternannten „ Spezialisten“ stehen immer noch im Abwehrkampf gegen die Türken bei Wien. Das allerdings ist ein paar hundert Jahre her.

Bei diesem schwierigen Thema gilt es jedoch zunächst, die weit verbreitete selbstgefällige Arroganz aufzubrechen und sich mit sich selber zu beschäftigen.

Denn mit Vorurteilen lebt es sich außerordentlich bequem, man weiß mühelos Bescheid über Dinge, von denen man keine Ahnung hat. Die Meinungsbesessenheit gegen Beängstigendes, weil Anderes, ist mit Sachargumenten nicht zu durchlöchern. Viele, auch teilweise seriöse Medien, drängeln sich vor, um am entscheidenden Kampf um die Lufthoheit über Stammtischen teilzunehmen. Ein Arzt würde schnell einen schweren pathologischen Fall von logorhoe diagnostizieren.

Vorurteile, und nicht nur in diesem Fall, halten sich immer hartnäckigst, um Ängste aus pathologischer Ich-Schwäche zu verdecken. Die Vorurteile dienen der Abwehr unangenehmer Einsichten und dem Schutz vor schmerzenden Realitäten. Durch solche, möglichst undifferenzierten Projektionen wird von eigenen Defiziten abgelenkt. Und das dient der Selbstidealisierung.

Wer aber nicht bereit ist, sich in die Reflexion über die eigene Vorurteilsbereitschaft einzulassen, ist bei diesen und ähnlichen Themen fehl am Platze.
Der sollte bei der Lektüre seiner Blöd-Zeitung sitzen bleiben.


Eine zweite Vorbemerkung:


Warum wir im Westen insbesondere die arabischen Gesellschaften so schwer verstehen.

In den islamisch geprägten Ländern ist der Islam Staatsreligion, welcher Provenienz auch immer. Allen religiösen Minderheiten sind, dem Koran gemäß, volle Rechte zuerkannt.

Die Wirtschaftsordnungen sind kapitalistisch oder sozialistisch. Die herrschenden Bürgerkriege und die unübersichtliche Vielfalt der religiösen und ethnischen Gruppen beweisen aber den Fortbestand der traditionellen Muster, in denen Clans und Familienverbände die tribalische Gesellschaftsordnung prägen. Im Irak z.B. herrschte der Familienclan Sadam Husseins aus Takrit, also eine sunnitische Minderheit über eine schiitische und kurdische Mehrheit.


Ebenso herrschen in Syrien die Alawiten der Assadi über 90 % Christen und Sunniten.
Alle arabischen Gesellschaften werden letzten Endes von Clans oder Familien gelenkt. Und diese herrschende Klientel- oder Stammesgesellschaft geht auf vorislamische Zeiten zurück.

Erst Mohamad brachte ihnen den Monotheismus, aus dem eine Weltreligion wurde.

Seine Absicht war es, die Loyalität zum Stamm durch den Islam, die Unterordnung unter den Willen des einzigen Gottes, der nichts seinesgleichen hat, zu überwinden. Das war eine gesellschaftlich Revolution: aus tribalisch organisierten Nomaden sollte eine urbane und zivile Gesellschaft entstehen. Nur durch Expansionskrieg konnte die Umma, d.h. die Gemeinschaft der Gläubigen, zusammengehalten werden.

Die nahöstliche Welt ist durch den Islam und die arabische Expansion zwar neu gestaltet worden, das komplexe institutionelle und kulturelle Erbe der vorislamischen Zeit jedoch blieb weitgehend erhalten. Eine stammesübergreifende arabische oder orientalische Identität zu schaffen, ist daher bis heute der Erfolg versagt geblieben.

In Europa hat es durch Renaissance, Reformation, Humanismus und Aufklärung eine völlig andere Entwicklung gegeben. Es entstanden pluralistische Gesellschaften.
Länder, die ihre alten Ordnungen beibehalten haben, wurden so zu „ Entwicklungsländern“, zu Ländern also, die sich auf die in Europa und Amerika so „erfolgreiche“ Ordnung hin entwickelten oder zu entwickeln hatten.

Die Frage nach dem „ Fortschritt“, den andere nicht zuwege gebracht hatten, geht jedoch von einem eurozentrischen Weltbild aus, in dem Europa und seine Lebensform das Maß aller Dinge sind.

Historisch und global gesehen ist aber die europäisch- amerikanische Lebensform eine Novität und noch immer die Ausnahme.

In entwicklungspolitischen Sonntagsreden über das Schicksal der Dritten Welt wird immer wieder gefordert, dass die anderen Gesellschaften ihre Systeme so reformieren müssen, dass durchrationalisierte und „ demokratische“ Gesellschaften zu mehr Menschenwürde führen, man jedoch die jeweilige kulturelle Identität bewahren solle. Das aber schließt sich grundsätzlich aus.

Unserer Industriearbeit liegt nämlich eine gesellschaftliche Entwicklung zugrunde, die es im Orient nie gegeben hat und auch nicht geben wird. Solche hypertrophen Forderungen kommen aus einer Haltung, die eine Überlegenheit der abendländischen Kultur a priori als gegeben annimmt.

Die islamisch geprägte Welt hingegen hat ihre Denkweise und soziokulturellen Traditionen nur wenig verändert. Das Konzept des „ Fortschrittes“ ist immer ein europäisches. Die Vorstellungen von Geschichte sind eher statisch als dynamisch. Fortschritt in unserem Sinne bedeutet für den Orient eine Loslösung von den Urzeiten des Islam, von der Zeit Mohamads.

Unsere demokratisch-pluralistische Gesellschaftsform hat sich deshalb als so erfolgreich erwiesen, weil sie die Weltwirtschaft beherrscht und andere Volkswirtschaften von sich abhängig gemacht hat. Im Orient ist westliche Ethik schlicht undenkbar. Sogar koptische, orthodoxe und armenische Christen leben weitgehend nach dem selben Gesellschaftsmuster wie die Muslime. Die Sorge gilt dem Heute, nicht dem Morgen, nicht dem großen Plan der Zukunft.

Max Weber sieht daher auch in Jesus den typischen Orientalen, der um das täglich Brot heute bittet, nicht um das tägliche Brot von morgen.

Seit jeher wurde überall auf unserem Globus das Leben von religiösen und familienorientierten Normen her bestimmt. In Europa suchte eine Minderheit von Intellektuellen den „ Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und führte Europa in das Zeitalter der Vernunft. Diese Entwicklung lief übrigens gegen den erklärten Willen Roms, denn Vernunft, oder um mit Kant zu sprechen. „ sapere aude!“( wage, Dich Deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen“)gefährdete die auf bedingungslosem Gehorsam aufgebaute Macht.

Auch in der islamischen Welt gab es Ansätze zu einer Aufklärung, zu dem Versuch, die Welt rational zu erklären. In dieser Zeit ( 800-1250) war der Orient dem Okzident wissenschaftlich und geistig uneinholbar überlegen.

In der Quintessenz überwog jedoch das orientalische Moment tribaler Stammesgesellschaften.


Zurück zum Inhalt des Islam:


Im 6. Jahrhundert u.Z. befand sich Arabien, wie schon erwähnt, in einer Phase der Familienverbände, Sippen und Stämme. Es gab nur wenig feste Siedlungen an den Karawanenwegen. Man lebte von Raubzügen (= arabisch Razzia). Die bedeutendste Siedlung war Mekka. Hier hatte der Stamm der Koraisch den einträglichen Handel in seinen Händen. Hier gab es auch Juden- und Christengemeinden. In diesen Kreisen des Monotheismus entstand die Legende um das Heiligtum der Kaaba: Abraham und Ismail gelten als die Stammväter der Araber. Die Koraisch betrachteten die Verwaltung des Ortes als ihr Monopol, denn dies brachte neben Ansehen auch hohen Gewinn aus dem Devotionalienhandel.

Um 570 n.u.Z. wurde hier Mohamad geboren. Aus einem verarmten Zweig der Koraisch stammend, war er früh verwaist und hatte die reiche Handelswitwe Charidscha geheiratet. Aus der glücklichen Ehe stammten vier Töchter, der einzige männliche Nachfahre war sein Enkel Ali. Der an religiösen Fragen interessierte Friedens-und Handelsrichter hatte auf seinen Handelsreisen Juden und Christen kennen gelernt und sich, wie diese, zu asketischen Übungen in die Wüstenberge zurückgezogen. Dort erscheint ihm eines Tages in Jerusalem ein Engel: Gabriel( dort steht heute der Felsendom. Zunächst findet er nur bei seiner Frau Zuspruch.

Seine Prophezeiungen von der Auferstehung des Fleisches am jüngsten Tage brachten ihm nur Hohn ein. Die Lehre des einzigen Gottes, der Angriff auf den herrschenden Götzenkult, die Verdammung rücksichtslosen Gewinnstrebens nach Besitz gefährdeten vor allem die Geschäftsinteressen der Koraisch und riefen ihren Widerstand hervor.

Mohamad ging es vor allem um die praktische Konsequenz seines Glaubens: Gerechtigkeit, Mildtätigkeit und Menschenliebe. Ihm war es Trost, dass die Propheten vor ihm, Abraham, Lot, Johannes, Hiob und Jesus ebenso verkannt und verfolgt wurden.

Seine Anhänger, vor allem Unterprivilegierte, mussten Mekka verlassen und fanden Asyl in Medina al Yatrib. Die Mekkaner sahen darin einen feindlichen Stützpunkt an der von ihnen beherrschen Karawanenstrasse. Heimlich geht auch Mohamad 622 nach Medina.


Diese Hedschra ist jedoch keine Flucht, sondern der bewusste Bruch mit der Sippe, sie bildet das Epochenjahr des Islam.
Gleich in Medina errichtet er einen Sammelplatz ( djemma) mit der Gebetsrichtung nach ( quibla) Jerusalem. Diese für Juden und Christen heilige Stadt ist auch heute noch für die Muslime der Mittelpunkt der Welt.

Mohamad verstand sich als Fortsetzer, Vollender und Reformator der Botschaft, die Gott den Menschen durch die Propheten gegeben hat.
Die Kaaba als quibla bringt die Wendung ins traditionell Arabische. Die Gewinnung Mekkas wurde Ziel der Muslime ( ar. Dschihad. Der geistliche Anführer wurde so auch zum politischen und militärischen Führer und Politiker. Nach der Eroberung Mekkas 630 u.Z. wurde Mohamad in ganz Arabien als weltliches und geistliches Oberhaupt anerkannt.

Der neue Glaube fußt auf jüdischem und christlichen Gedankengut. (NB: viele, auch gläubige Menschen bei uns wollen nicht wahrhaben, dass das Christentum eine orientalische Religion ist!) Deren Quellen und Bücher hatte Mohamad nie im Original kennen gelernt. Sondern, wie damals üblich, ausschließlich durch Erzählungen. So kann man den Islam durchaus als Gegenbewegung, sogar als Reformation christlichen und jüdischen Gedankengutes verstehen. Wegen der offensichtlichen Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit fühlte sich Mohamad berufen, die reine Lehre wiederherzustellen. Dazu kamen arabische Normen und Gebräuche, in denen er aufgewachsen war.

Der Inhalt seiner Botschaft ist der unbedingte Glaube an den einzigen, allbarmenden, allmächtigen und allwissenden Schöpfergott, der nicht seines gleichen hat, also auch keinen Sohn. Er ist ohne Anfang und Ende, er ist nicht geschaffen und nicht sterblich.

Gott ist einzig (arab. Il allah). Dieser Botschaft, die sich zur Weitergabe auf arabisch offenbart hat, soll sich der Mensch in Demut völlig unterwerfen ( arab. aslama). Durch die Befolgung der Gebote findet der Muslim beim jüngsten Gericht Gnade und den Weg ins Paradies.

Der Weg dazu ist: Glaube, Gehorsam, Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft gegen Schwache und Arme.

Zu den fünf Säulen des Glaubens gehören:
Das Bekenntnis ( s.a. Eingangsformel des Vortrages)
das fünfmalige tägliche Gebet
das jährliche Fasten im Monat Ramadan
die Gabe von Almosen
die Pilgerfahrt nach Mekka ( hadschj)

Der Quran( ar. das Gereimte, das Zusammengebundene) ist arabische Reimprosa, für jedermann verständlich. Er selbst war der Ansicht, dass ihm auf arabisch nur Teile dessen vermittelt wurden, die den Willen Gottes ausmachen. Zu seiner Zeit, so wie auch in den anderen Regionen der Welt, waren die Gesellschaften noch nicht alphabetisiert. Alles wurde mündlich überliefert oder auswendig gelernt. Es gab verschiedene Sammlungen von Texten, auch mit unterschiedlichen Sprachschichten, die erst der Dritte Kalif ( ar. Stellvertreter) Othman kodifizierte. Diese Sammlung war aber nicht kanonisch, so dass bald sog. Rechtsschulen für die Exegese und Interpretation und die Sammlungen der Hadiths entstanden.

Die Vorschriften es Quran sind Richtschnur für die Gläubigen. Sie werden durch die Sunna ( ar. Tradition) und die Hadith ( ar. Zeugenschaft der Weggenossen) ergänzt.


Zum sprachlichen Verständnis:


Salam Friede, Wohlergehen, Zustand der Unversehrtheit
Salima wohlbehalten sein, sich versöhnen, sich unterordnen
Salama unversehrter Zustand, Friede
Aslama Hingabe an Gott, Friede mit Gott
Musalim friedfertiger Mensch
Dsch-h-d sich anstrengen
Dschihad Anstrengung des Glaubens, die Bemühung des eigenen Urteils, Kampf gegen das Selbst, Anstrengung des Geistes, Läuterung des Herzens.

Wie oben erwähnt, herrschte zwischen 800 und 1250 u.z. eine Kulturblüte in der arabischen Welt von ungeahntem Ausmaß.
Insbesondere an den kulturellen Schnittstellen im Mittelmeerraum, Spanien und Sizilien, erblühten Kunst und Wissenschaft, so dass sich S.Huhnke befleißigt sah, diese Epoche wie folgt zu bezeichnen:

Allahs Sonne über dem Abendland

Die Vielfalt dieser kulturellen Äußerungen zwingen jedoch zunächst zu einer definitorischen Abgrenzung:[/b]

War es eine arabische Kultur?
Ja und nein. Arabisch waren Schrift und Sprachen dieser Epoche, arabisch waren einige Dynastien und ein marginaler Teil der Oberschicht. Träger der Kultur waren im Wesentlichen Romanen, Perser, Goten, Perser, Syrer, Berber, Hellenisten.

Kann man sie islamisch nennen?
Sicher mit größerem Recht. Der Islam war die tragende Idee der Zeit, aber Christen und Juden haben gleichberechtigt mitgewirkt. Und vieles von der Blumenhaftigkeit des künstlerischen Ausdrucks und der Betonung des Lebensgenusses war absolut unorthodox.

Vielleicht hat Goethe in seinem West-Östlichen Diwan recht, wenn er diese Epoche als orientalisch empfindet: „ ...herrlich ist der Orient übers Mittelmeer gedrungen, nur, wer Hafis kennt, weiß, was Calderon gesungen...“

Das Wesen des Orients ist vor allem aus dem Geiste seiner Heimat heraus verständlich. Es ist das wüstenreiche Vorderasien, eine Landschaft von seltener Eintönigkeit und erbärmlicher Kargheit, ohne Höhen und Tiefen.

Diese Wüstenlandschaft vermittelt den nomadenhaften Bewohnern letztlich nur das Erlebnis einer ewigen Widerholung zwischen der Eintönigkeit der Landschaft und der Gleichförmigkeit der Oasen. Dieses Erlebnis der Wiederholung ohne Anfang und Ende wird zum Leitmotiv von Kunst und Glauben.

Die gnadenlose Sonne und die trockene Luft erzieht die Menschen zu einer Klarheit des Denkens, das in der grenzenlosen Einsamkeit dieser Landschaft zur Abstraktionsfähigkeit höchsten Ausmaßes führt. Dieses gipfelt wiederum in der demütigen Ergebenheit vor einem unbarmherzigen Schicksal, das nur noch die aslama kennt.

Diese rauen Beduinen dringen in ihrer rastlosen Expansion, die nirgendwo Widerstand erfährt, immer tiefer in andere Kulturkreise ein, wo sie letzte und vergehende Blüten alter Kulturen und morbide Gesellschaften vorfinden. Die Lebenskraft der „ Barbaren“ beflügelt den schwindenden Lebenswillen der alternden Völker und weckt neue Impulse. Ebenso verändern sich die Eroberer nach dem Grundsatz: victi victoribus leges dederunt.

Es verbindet sich so die Wesenheit arabischen Lebensgefühls mit dem Schöpfungsreichtum der alten Völker.

Ich will nun, um den hohen Stand der orientalischen Kultur der damaligen Zeit zu beschreiben, einige Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte beleuchten:


Die Mathematik


Auf dem Gebiet der Zahlenlehre waren es arabische Gelehrte, die erkannten, dass das römische Zahlensystem für komplizierte Rechenoperationen immer ungeeigneter wurde. Sie führten deshalb die in Indien entwickelte Stellenschrift ein, die mit neun Zahlensymbolen auskam, denen sie die 0 beifügten. Der Syrer Al Quarismi war es, der im 9.Jahrundert diese Zahlenlehre in Bagdad unterrichtete. Er und sein Lehrbuch algabr wálmquabla gab der Wissenschaft den Namen: Algebra und Algorithmus.
Über Spanien gelangte sie ins Abendland, wo wir heute noch mit diesem System rechnen. Der spätere Papst Sylvester, der als Gerbert von Aurillac in Barcelona aufgewachsen war, lernte in Andalusien am Hofe des Kalifen von Cordoba diese Zeichen kennen und rechnete damit. Aber erst im 13. Jahrhundert führte Leonhard von Pisa in Europa die arabisch-indische 0 ein. Sie hieß im Arabischen siffr, d.h. das Leere. Aus ihr wird zero zum Begriff für 0.

Andererseits wird dieses Symbol der ungebildeten Mehrheit Europas zum Sinnbild dieser Zahlenwelt, die fortan Ziffern genannt werden. Den Franzosen wird gar die chiffre zur Bedeutung von Geheimzeichen.
Neben arabischen waren es vor allem syrische und persische Gelehrte, die dieses Denken zu einer Höhe führten, die erst Jahrhunderte später wieder Descartes erklimmen sollte. Man rechnete im 9.Jahrhundert bereits mit Gleichungen mit der Unbekannten X, hatte das Rechnen mit Dezimalbrüchen erfunden, stellte die Funktionen von sinus und cosinus, von tangens und cotangens auf.


Astronomie und Geographie


Von allen Fürsten großzügig gefördert, trieb eine Schar bedeutender Geister systematisch Himmelskunde, erforschte den Lauf der Gestirne und kam zu Erkenntnissen, die erst Jahrhunderte später Keppler und Kopernikus wieder aufgriffen.
Im westlichen Persien entsteht im 12. Jahrhundert die größte Sternwarte der damaligen Welt, an der hunderte Gelehrte arbeiteten aus Spanien, Syrien und Persien. Eine 400 000 Bände umfassende Bibliothek war wissenschaftlicher Fundus für alle Interessierten. Nach diesem Muster baute der spanischen König Alfons X.( ein Neffe des Staufers Friedrich II) von Kastilien in Burgos eine Warte, an der man mit heute noch bekannten trigonometrischen Instrumenten arbeitete. Hier lehrten arabische und jüdische Gelehrte. Sternenbezeichnungen und astronomische Begriffe fanden über Spanien und Sizilien Eingang in die europäischen Sprachen.
Parallel dazu vollzieht sich die Erforschung der Erde.
Pilger- und Handelsreisen führten durch die gesamte Welt. Es gab reichlich Gelegenheit, fremde Länder zu sehen, zu erforschen und den wissenschaftlichen Austausch mit den bedeutendsten Geistern der damaligen Epoche zu pflegen.
Der Berber Ibn Batuta aus Tangja( Tanger) und der Syrer Madrußi aus Bagdad führten ein 20 Jahre langes Leben auf Reisen zwischen China und Spanien und berichteten über ihre Forschungsergebnisse in ihren Werken.

Der in Cordoba studierte Idrißi veröffentlichte 1145 bereits 70 Landkarten Europas, Asiens und Afrikas sowie eine zwei Meter im Durchmesser messende Weltkarte. Sie basiert auf der Kugelgestalt der Erde und ist von einer Messgenauigkeit von 200 Metern. Sie wird von einer mehrbändigen Erdbeschreibung kommentiert und bleibt für Jahrhunderte Standardwerk der Welt in Orient und Okzident. Kolumbus benutzt diese Kartenwerke, die er in Salamanca studiert hatte, für seine Reiseplanungen und nahm auch arabische Seeoffiziere und Dolmetscher mit.
Der Arzt und Philosoph Avicena schließlich begründet die Wissenschaft von der Geophysik und der Geologie.


Medizin


Berberische, persische und andalusische Gelehrte treiben diese Wissenschaft auf ihren damaligen Höhepunkt.
Ibn Nafis aus Damaskus entdeckte bereits im 13. Jahrhundert als erster das Gesetz des Blutkreislaufes, 400 Jahre vor dem Engländer Harvey und 300 Jahre vor dem Spanier Servede, der eben wegen dieser wissenschaftlichen Erkenntnis in Genf auf dem Scheiterhaufen neben Johann Huss verbrannt wurde.

Der Perser Ibn Sinna ( Avicenna) entdeckte die Erreger des Milzbrandes und der Gelbsucht, führte Urinuntersuchungen ein, verordnete Wechselbäder und verfasste ein über Jahrhunderte wirkendes richtungsweisendes Werk der Geisteskrankheiten.
Im 14. Jahrhundert lebte Abu Bakr Ar Rasi, dessen Bücher heute noch den Grundstock der Sorbonne bilden. Sein Standbild steht im Audimax. Er las vor überfüllten Hörsälen an den Medersen des Orients, veröffentliche über 300 medizinische Werke, darunter eine 30-bändige Enzyklopädie der Medizin, stellte die Chemie in den Dienst der Arzneimittelkunde, betonte aber weiterhin den Vorrang natürlicher Heilmittel und gilt als erster Psychoanalytiker.

Tierexperimente als Forschungsmittel sind seit dem 9. Jahrhundert bekannt. Seit dieser Zeit kennt man Haschisch als Narkosemittel sowie die Wirkung antibiotischer Salben, verwendet Rotwein als Antiseptikum und benutzt die Schimmelpilze des Peniciliums zur Heilung.

Gynäkologie ist anerkanntes Lehrfach an allen orientalischen Hochschulen. Luftröhrenschnitte sind ebenso bekannt. Im 12. Jahrhundert wirken in Cordoba Maimonides und Averroes( Ibn R´schd. Letzterer entdeckt die Ursachen der Herzbeutelentzündungen, des Magenkrebses und der Lungenschwindsucht.

Er definierte zu seiner Zeit bereits Infektionskrankheiten und entwickelte daraus flächendeckende Pockenschutzimpfungen.
Im 14. Jahrhundert erkennen andalusische Ärzte den infektiösen Charakter der Pest und treffen Abwehrmaßnahmen, als Kaiser Maxilimlian I. öffentlich die Pest als göttliches Züchtigungsmittel erklärt, gegen das anzugehen einem Christenmenschen nicht anstünde.

Im gesamten Orient kennt man bereits ärztliche Prüfungen und Approbationsordnungen, regelmäßige Kontrollen aller öffentlicher Krankenhäuser durch Gesundheitsbehörden. Im 10. Jahrhundert besaß allein Cordoba 50 öffentliche Krankenhäuser, mit Bädern und fließendem Wasser in allen Behandlungsräumen. Die alles in einer Zeit, als das christlich geprägte Europa noch in der Finsternis religiös begründeter Isolation lag. Schmutz und Unbildung galt als erstrebenswerte Vorstufe zur Heiligkeit, war gesellschaftliches und moralisches Ideal der höfischen Welt.


Alle Erkenntnisse und Forschungen fanden ihre Vollendung an andalusischen, marokkanischen, ägyptischen und persischen Fürstenhöfen und wurden über Spanien und Sizilien nach Europa gebracht. Dies vollzog sich auf Handelswegen von China bis nach Spanien und fand seine Verbreitung mit Hilfe des Buches, das die Orientalen verwendeten. Nur auf diese Weise war es möglich, dass auch das christlich geprägte Europa aus seinem von Rom verordneten Schlaf erwachte, dass dort Wissenschaften und Künste aufblühten und überall nach dem Muster von Cordoba, Kairo, Fes und Bagdad Universitäten gegründet wurden.


Sprachreste in der deutschen Sprache


Alabaster, Almanach, Amalgam, Amulett, Anilin, Aprikose, Arabeske, Assassine, Berberitze, Besan(Segel), Bluse, Bohne, Borax, Borretsch, Chiffon, Droge, Eden, Estragon, Fanfare, Fries, Gala, Gamaschen, Gips, Hasard, Havarie, Ingwer, Jasmin, Joppe, Kaliber, Kamel, Kamelie, Kampfer, Kaper, Karavelle, Kittel, Lapislazuli, Lava, Mandoline, Marabu, Massieren, matt, Mohair, Monsun, Moschus, Mulatte, Muskat, Muskete, Natron, Opal, Rasse, Saphir, Satin, Schanze, Schellack, Schirokko, Sirup, Talisman, Tamburin, Tarif, Tara, Tarock, Troubadour, Waran, Zenit, Admiral, Chemie, Algebra, Alkohol, Almanach, Anilin, Aprikose, Artischoke, Baldachin, Balsam, Banane, Barock, Benzin, Bluse, Kaffee, Conditorei, Damast, Dame, Drogerie, Elixier, Estragon, Fanfare, galant, Gamaschen, Karat, Gazelle, Giraffe, Ingwer, Gitarre, Hellebarde, Intarsie, Jacke, Jasmin, Kabel, Kandare, Kandis, Karaffe, Karavelle, Kittel, Karussell, Kies, Klabautermann, Koffer, Kümmel, Kuppel, Lack, Laute, Lila, Limone, Magazin, Mandoline, Marzipan, Maske, Matratze, Mokka, Mulatte, Muskat, Mütze, Orange, Papagei, Parzival, Rakete, Razzia, Pomeranze, Reis, Risiko, Safari, Safran, Sandelholz, Saphir, Schach, Schanze, Scheck, Sirup, Soda, Sofa, Spinat, Spargel, Talisman, Tasse, Watte, Ziffer, Zimt, Zucker, Zwetschge...

Zur Sprache und Dichtkunst


Es ist eine Eigenart der arabischen Sprache, dass sie eine Unzahl von Worten hat, die mit gleicher Vokalfolge verschiedene Konsonanten miteinander verbindet. Hier entsteht der Endreim. Diese Versform erobert sich die gesamte Dichtkunst des Morgen- und Abendlandes.
Schon seit dem 5. Jahrhundert n.u.Z. ist die Versform des Endreimes bei den arabischen Nomaden voll ausgereift, das Spiel mit Rhythmen und Gleichklängen bewusstes Gestaltungsprinzip arabischer Dichtung. Ebenso wie die Arabeske im Ornament, fordert der Endreim im Gedicht die unendliche Wiederholung heraus. Es entstehen die Chassiden, jene typisch arabische Schöpfung, in der Bilder und Gefühle wie Wellen auf Wellen aufeinander folgen. In Andalusien findet sie begeistert Aufnahme im Volk. Mit überwältigendem Wortschatz werden die feinsten Schattierungen menschlicher Gefühle ausgedrückt. So tritt die Lyrik als Kunstform erstmals in den Kreis der Dichtkunst. Vor allem mit ihrer Verehrung der Frau werden sie von französischen Troubadouren aufgegriffen. In Italien ist es Dante als einer der Ersten, der sie aufnimmt, und in im Heiligen Römischen Reich rufen die Minnesänger in dieser Weise eine rauschhaften Frühling der Gefühle hervor.


Musik


Logischerweise folgt dann auch das gesungene Gedicht dem Rhythmus des Endreims. Die uns bekannte und sogenannte arabische Musik gibt es jedoch erst seit 1258, seit der Zerstörung Bagdads durch die Mongolen. Eigentümlich arabisch ist diese Musik nicht.

Über Persien hatten die Araber die pythagoreische Tonleiter kennen gelernt und übernommen. Auf Musikhochschulen wurde sie gelehrt.

Durch fahrende Sänger und weibliche Gefangene fand sie von Andalusien aus Eingang an europäische Fürstenhöfe. Anfangs war sie nur Begleitmelodie des Gedichtes, zu der sich allmählich Instrumente gesellten, die dem Abendland bisher fremd waren: Laute, Gitarre, Mandoline, Tambour, Tamborin, Schalmei, Kastagnetten... alles arabische Bezeichnungen. Ein großer Musiktheoretiker war der Philosoph und Arzt Avicenna, dessen Lehren über Marokko und Andalusien ins europäische Abendland drangen. In Montecasino wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Traktat aus dem 11. Jahrhundert gefunden, das die bekannten Solminationssilben als arabische Quelle nennt.

Das Leben als Kunstwerk zu gestalten, welch ein faszinierender Gedanke!

Geboren, geformt und gestalten an den Fürstenhöfen Andalusiens, Arabiens und bald nachgeahmt an den Höfen Frankreichs, Italiens und Deutschlands. Die verfeinerte Lebenskultur Persiens und Syriens machte die arabischen Eroberer aufgeschlossen für die Übernahme der ritterlichen Verehrung der Frau. Sicher war es aber auch die aus der muslimischen aslama begreifliche Form der Unterwerfung, die nunmehr eine neue Form der Frauenverehrung aufkeimen ließ, die mehr der wunschlosen Anbetung glich, als der bisherigen sinnlichen Liebe im Stile Ovids.

Die Frau als Göttin, als unerreichbares Idol, als geistiger und gesellschaftlicher Mittelpunkt allen höfischen Lebens und künstlerischen Schaffens. Das war revolutionär!


Das islamische Spanien, Vorbild des Abendlandes
Allahs Sonne über dem Abendland



Einen Höhepunkt erlebte dieses Weltgefühl im 9. Jahrhundert unter dem Kalifen Abd er Rahman in Cordoba. Dank intensiver Kultivierung, Bewässerung und Bewirtschaftung gelang es damals, dem Boden Spaniens die 4fache Ernte abzuringen. Bergwerke, seit den Tagen der Phönizier stillgelegt, wurden neu erschlossen, Handel und Wandel blühten und die Bevölkerung wuchs von 6 auf 30 Millionen. Überall im Lande wuchsen Prachtbauten aus dem Boden, Moscheen, Brücken, Paläste und öffentliche Parks entstanden. Allein im Landschaftsbecken des Guadalquivir lagen damals 6 Hauptstädte, 80 größere Städte und 300 mittlere.

Aber als die Stadt der Städte galt Cordoba.

Mit ihren 28 Vorstädten war sie im 9. Jahrhundert die größte Stadt Europas mit fast 1 Million Einwohnern.
Cordoba besaß 600 Moscheen, 300 öffentliche Bäder, 80 öffentliche Schulen, 17 Hochschulen und 20 öffentliche Bibliotheken, die hunderttausende von Büchern enthielten – in einer Zeit, in der im christlichen Europa keine Stadt solche öffentlichen Einrichtungen enthielt und das spanische Kloster Ripoll in den Spanischen Marken sich rühmte, mit 200 Büchern die umfangreichste Klosterbibliothek Europas zu besitzen.

Der Kalif Al Hakam holte die bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit an den Hof, darunter Averroes, Avenzoar, Avempace, Ibn Chaldun..
Jeder Moschee war eine Schule angegliedert, jeder Stadtteil hatte eine Schule. Die Bibliotheken waren öffentlich. Der Unterricht an den Schulen war frei. Überall in der orientalischen Welt waren Beauftragte der Kalifen unterwegs und mit dem Ankauf und dem Abschreiben antiker Manuskripte beschäftigt. Allein die Palastbibliothek des Kalifen soll über 400000 Bücher gezählt haben. Alles vernichtet.....

Ganz Europa strömte nach Andalusien.

©cg