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  • Shalom in der Rykestrasse
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Shalom!

Ein Besuch in der Synagoge Rykestrasse

Im Rahmen des Kulturprogramms der öWVAC Berlin stand am 24.4. der Besuch der Synagoge in der Rykestrasse auf der Agenda. Unser Corps hat sich dem angeschlossen. Die Wenigsten wussten vorher, dass es die Synagoga überhaupt gibt.
Über das centrum judaicum war eine Führung organisiert worden.
In der Synagoge erfuhren wir interessante Hintergründe, wobei die 12 Jahre, die eigentlich 1000 werden sollten, eine Nebenrolle spielten.

Preußen war ja bekanntlich der Staat in Europa, der seit dem Toleranzedikt von Potsdam Vorreiter in der Emanzipation der Juden war. Berlin war dann in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Orientierungsort von jüdischen Flüchtlingswellen, die durch Pogrome aus dem Zarenreich vertrieben wurden. Um die Flüchtlinge unterzubringen, wurden sie zunächst in der Spandauer Vorstadt , dem späteren Scheunenviertel, angesiedelt. Mit Unterstützung des preußischen Königshauses entstand 1866 die große Synagoge in der Oranienburger Strasse.
Im Laufe der Jahre wuchs die jüdische Gemeinde zur größten in Europa. Zu Beginn 1933 zählte sie 165 000 Mitglieder, 1945 noch ca 4000.. Weil der jüdische Friedhof in der Schönhauser Allee nicht mehr ausreichte, gründete man einen neuen in Weissensee, der heute noch mit seinen 37 000 Gräbern zum größten jüdischen Friedhof in Europa zählt. 1907 baute die jüdische Gemeinde im heutigen Bezirk Prenzlauer Berg ihr Bethaus. Denn eine Synagoge ist kein Gotteshaus, sondern als Bethaus auch Versammlungsort der Gemeinde und sogar eine Schule. Dieses Haus bot früher Platz für 2000 Gläubige, die obere Empore war den Frauen vorbehalten. Eine Besonderheit wurde uns näher gebracht: Hier gibt es eine Orgel! Besonderheit deshalb, weil ja üblicherweise aus der Tora durch einen Kantor vorgesungen wird. In der Nacht am 9. November 1938 wurde zwar auch gezündelt, der Brand konnte aber rechtzeitig gelöscht werden. In der Nachkriegszeit diente sie weiterhin als Synagoge, allerdings mit stark reduzierten Mitgliederzahlen. Provisorische Erhaltungsmaßnahmen dienten nur dem Bauerhalt. Erst 2007 konnte die Synagoge, nach gründlichen Restaurierungsarbeiten in ihren ursprünglichen Zustand versetzt, feierlich wiedereröffnet werden.

In Ergänzung zu dem interessanten Vortrag der Führung wurde den Teilnehmern noch eine historischer Aspekt näher gebracht, nämlich die Situation in Palästina zur Zeitenwende:

Dem geneigten Leser sei dies nicht vorenthalten, was die Teilnehmer schriftlich mitnehmen konnten.

Zeitenwende

Zwischen 150 acn und 150 pcn erschütterte die Menschen in Palästina eine unzähmbare religiöse und politische Unruhe. Man wähnte die Welt unmittelbar vor dem Untergang. Man träumte von dem Ende der alten Welt und dem Anbruch der Gottesherrschaft.

Die Welt war aus den Fugen geraten und der Tag des Gerichts nahte, so, wie es Jesaia, Ezechiel und Daniel vorausgesagt hatten. Sie waren die bedeutendsten Propheten der Apokalypse und schworen gespenstische Visionen herauf: Vom letzten Kampf der Finsternis gegen das Licht, vom Stillstand der Zeit und von der Ankunft des Messias. Und mit seinem Erscheinen endet die Geschichte der Menschen. Die Erde bricht auf und die Toten erheben sich aus den Gräbern, um das Urteil Gottes zu erfahren und um erlöst zu sein durch die Gnade Gottes.

Es herrschte eine fiebrige Religiosität, die das hellenistische und später römische Palästina bewegte. In dieser Zeit verbreiteten sich apokalyptische Ideen in einem beispiellosen Ausmaß.

Um etwa 150 acn herrschten zwar jüdische Könige, doch das Alltagsleben wurde dominiert und geprägt vom Hellenismus. Man sprach und dachte griechisch. Im Widerstand gegen die als Bedrohung empfundene Hellenisierung des Judentums traten die Essener auf. Sie zeichneten sich durch eine radikale Feindschaft gegenüber dem hellenisierten Tempel in Jerusalem aus. Hier regierten die Unreinen und Gesetzlosen, die den jüdischen Glauben verraten hatten. Immer mehr gerieten sie in einen scharfen religiösen und politischen Gegensatz zu der hellenistisch geprägten Priesterschaft. Ihnen schloss sich die Gruppe der Pharisäer an.
Im Jahre 63 acn befand sich Palästina in einem fortgeschrittenen Zustand der Anarchie. Diese Situation machte sich Pompejus zunutze. Seine Truppen besetzten das Land und Palästina wurde der römischen Provinz Syrien angegliedert. Eine eigene römische Verwaltung wurde jedoch nicht etabliert. Man setzte ein Geschlecht von arabischen Vasallenkönigen ein, die Roms Oberbefehl unterstanden und die weisungsgebunden waren. Der erste aus diesem Clan war Herodes Antipater. Ihm folgte sein Sohn Herodes I der Große, der bis 4 acn regierte. Zwar durften die Bewohner des Landes ihre Lebensweise behalten, aber überall war die Gegenwart der Eroberer zu spüren.

Im Jahre 6 acn spitzte sich die Lage zu. Palästina wurde umgestaltet. Es wurde aufgegliedert in eine Provinz und zwei Tetrarchien. Herodes Antipas regierte als Tetrarch über Galiläa und Philippus als Tetrarch über Nordtransjordanien. Judäa wurde Rom direkt unterstellt und von einem procurator mit Sitz in Caesarea verwaltet. Um die neue Macht zu festigen, kam es zu Massenkreuzigungen und Massakern vor allem unter der Priesterschaft, Tempelplünderungen und massiven Steuererhöhungen. Die Situation verschärfte sich noch weiter, als Pontius Pilatus im Jahr 6 acn das Amt des procurators von Judäa antrat. Er war korrupt, verschlagen und brutal. Übrigens , im Jahre 5 pcn wurde er nach Germanien zum Feldherren Varus versetzt.

Pontius Pilatus fand folgende politische Situation vor:
Die jüdische Bevölkerung Palästinas war in mehrere Sekten und Gruppierungen gespalten. Als erste sind die Saduzäer zu nennen, die den Großteil der Priesterschaft stellten. Sie kollaborierten mit den Römern. Dann gab es die Pharisäer, die, strenggläubig, Gegner der römischen Besatzung waren. Schließlich die Essener, streng mystisch orientiert. Die Zeloten schließlich waren eine radikale und militante Nationalpartei. Die Mehrheit der untereinander zerstrittenen Gruppen war eine besatzerfeindliche Bewegung. Das Wirken von Jesus von Nazareth fiel in das erste Viertel des Aufstandes, der 140 Jahre dauern sollte. Eine wichtige Begleitscherscheinung war die Hoffnung auf einen Messias ( jüd. maschiach), der sein Volk aus der Knechtschaft erlösen würde. Dazu war jene Zeit mit überbordenden Endzeit- und Weltuntergangsvisionen überlagert. So fachten die politischen und religiösen Spannungen die apokalyptischen Ängste zusätzlich an.

Die Zeitgenossen sahen aber in dem erwarteten Messias kein göttliches Wesen. Das griechische Wort für Messias/maschiach lautet: „chrästos“, d.h. „der Gesalbte“. Es bezog sich immer auf einen König. Als David zum König gesalbt wurde, erhielt er automatisch diesen Beinamen. Jeder weitere jüdische König aus dem Hause David trug den gleichen Titel. Selbst während der römischen Besatzungszeit nannte man die von den Römern eingesetzten Hohepriester „Chrästos“.
In den Augen der Zeloten und aller Gegner Roms galt jedoch dieser Hohepriester als falscher Messias. Der wahre Messias war nur der rechtmäßige Abkömmling aus dem Hause David, der das Volk Israel von dem Joch der Unterdrückung befreite. Die Ungeduld, mit der man auf diesen Messias wartete, grenzte an Massenhysterie.. Der erste Aufstand 66 acn wurde mit der bevorstehenden Ankunft des Messias begründet.

Um die Zeitenwende predigten verschiedene Täufergruppen das Ende der Tage. Johannes der Täufer wurde durch Herodes hingerichtet, weil dieser fürchtete, dessen Lehren könnten die aufrührerische Stimmung zur offenen Revolte anheizen.( Sein Grab befindet sich in der Omajadenmoschee in Damaskus und wird heute noch von den Muslimen verehrt)
Kurz zuvor trat in den Hügeln Galiläas ein anderer Mann auf, der Anhänger von Johannes war: Jesus aus Nazareth.. Er schien noch gefährlicher: Er kündete von einem Herrn, der größer sei als Herodes, ja als der Kaiser selbst. Und er wurde als Messias verehrt. Die Herrschaft Roms war bedroht.
Deshalb wurde Jesus während des Passahfestes um 30 pcn von den Tempelpriestern angeklagt und unter dem römischen Präfekten Pontius Pilatus gekreuzigt.

Die Evangelien entstanden in der Zeit zwischen den beiden großen Aufständen. Das Markus Evangelium wurde um 70 pcn in Rom geschrieben. Markus gehörte nicht zu den Jüngern. In Rom wandte er sich an ein römisch-griechisches Publikum. In einer Zeit, in der Judäa sich im Aufruhr gegen Rom befand. Juden wurden überall hingerichtet, weil sie sich gegen die Fremdherrschaft aufgelehnt hatten. Wenn Markus seine Botschaft also verbreiten wollte, konnte er Jesus nicht als Gegner der römischen Herrschaft hinstellen. Darüber hinaus musste
er Rom von jeglicher Schuld am Tode Jesu freisprechen und stattdessen jüdische Kreise dafür verantwortlich machen. Dieser List bedienten sich alle Urchristen und begründeten so den religiösen Antisemitismus.

©cg

Anm: acn/pcn= vor/nach unserer Zeitrechnung