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  • Richard Lepsius und das Neue Museum
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Seit Alexander dem Großen übt Ägypten eine Faszination aus, der auch Napoleon erlag und mit ihm Wissenschaftler, Künstler
und Abenteurer.

Insbesondere das 19. Jahrhundert war geprägt
durch einen Wettlauf der europäischen Großmächte um die besten Stücke, nennen wir es getrost: Beutestücke Ägyptens.

Man spricht von dieser Epoche gerne auch vom Zeitalter der –ismen:

Nationalismus, Imperialismus, Exotismus, Orientalismus, Historismus Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus, Chauvinismus Rassismus etc.

Auch das Leben der Bevölkerung wurde davon ergriffen: Romane, Gemälde, Museen, durch die Welt reisende Schaustellergruppen und Weltausstellungen machten es möglich,
den Orient und insbesondere Ägypten in all seinen Facetten zu erfahren.
Das Berliner Museum, von dem heute die Rede sein wird, entfaltete sich erst in Konkurrenz zu den führenden Weltmächten England und Frankreich zu seiner
endgültigen Größe.

Sowohl das Ägyptische Museum Berlin als auch die sogenannten Völkerschauen des 19. Jahrhunderts haben eine gemeinsame Quelle:

Sie hatten sich aus den Kuriositäten = sammlungen und Kunstkammern des 17. Jahrhunderts entwickelt, die nicht nur Kuriositäten aus fernen Ländern, sondern auch menschliche Exponate in ihren „Freiland-Abteilungen“ ausgestellt hatten.

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte und Kultur des Alten Ägypten setzte in Deutschland erst im 19. Jahrhundert ein. Ägyptische Artefakte waren zuvor Teil von Kuriositätenkabinetten, Sammlungen, die aus Neugier, fürstlicher Eitelkeit oder aus Gefallen an den Stücken entstanden waren.
Vor diesem Hintergrund sind auch die ersten Sammlungen ägyptischer Altertümer an den deutschen Fürstenhäusern zu betrachten.
Die erste Berliner Sammlung entstand unter dem Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg, der, um mit den anderen Fürstenhäusern konkurrieren zu können, 1693 den Archäologen Lorenz Berger zum Oberaufseher seines Antikenkabinetts machte und damit begann, seine Sammlung zu erweitern.

Mit dem Erwerb der Sammlung Bellori kamen am 4. Mai 1698 die ersten zwölf Aegyptica nach Berlin. In den folgenden Jahrzehnten wurde vor allem der klassische Bestand erweitert, sodass ihm in Sanssouci ein eigener Platz, der Antikentempel, zugewiesen wurde.

Im Zuge der napoleonischen Feldzüge gelangte Anfang des 19. Jahrhunderts ein großer Teil der Berliner Antikensammlung nach Paris; auch die Aegyptica, darunter die erste ägyptische Mumie, die seit 1802 in Berliner Besitz war. Erst 13 Jahre später kehrte sie zurück in die preußische Hauptstadt. Zusammen mit der ebenfalls gestohlenen Quadriga.

Die Berliner Sammlung war jedoch auch indirekt von den politischen Ereignissen betroffen.

Die Ägyptenfeldzüge hatten zu einem unverkennbaren kulturpolitischen Prestigegewinn für die Franzosen geführt. Aber auch England hatte bereits große Sammlungen angelegt. Spätestens nach der Niederlage Frankreichs 1805 bei Trafalgar, wirkten sich die englischen Aegyptica als Kriegssymbole positiv auf das nationale Selbstverständnis aus.

Preußen hingegen blieb von diesen weltpolitischen Entwicklungen zunächst weitgehend ausgeschlossen.
Doch auch hier stieg zunehmend das Interesse, die ägyptische Sammlung weiter auszubauen,
um sich auf europäischem Niveau zu profilieren. Die erste preußische Ägyptenexpedition fand 1820 statt.

Der Schweizer Heinrich Carl Menu von Minutoli, der eigentlich privat das Land hatte bereisen wollen, erwarb dabei für Friedrich Wilhelm III. kostengünstig die verschiedensten Antiken:

Ende 1821 hatte er zu See und Land über 3.000 Statuen, Sarkophage, Mumien, Amulette, Skarabäen, Instrumente und Papyrusrollen verschickt, die der König 1823 erwarb. Dabei handelte es sich jedoch nur um die Hälfte der Sammlung, da die Frachter kurz vor Erreichen des Zielhafens untergingen und nur die auf dem Landweg verschickten Güter in Berlin ankamen.

Der Neuerwerb fand in der Hauptstadt
jedoch keine Beachtung, das heißt, er wurde weder magaziniert noch in die Kunstkammer des Stadtschlosses eingefügt, sodass die Sammlung, wenn überhaupt, nur einem kleinen Publikum zugänglich war. Eine systematische oder gar wissenschaftliche Bearbeitung fand nicht statt. Erst Giuseppe Passalacqua, der am 1. Juli 1828 zum Direktor der ägyptischen Sammlung ernannt wurde, nahm sich dieser Aufgabe an.

Minutoli wurde zum Prinzenerzieher des Prinzen Carl von Preußen (1801-1883) ernannt, den er mit seiner bereits vorhandenen Sammelleidenschaft für Antiken ansteckte. Nach seiner Ägyptenreise lebte er in der Schweiz, bevor er nach Berlin zurückkehrte. Dort widmete er sich den Militär- und Altertumswissenschaften,
kaufte weitere Antiken für die Berliner Museen und seine Privatsammlung.

Der Autodidakt unternahm auch mehrere Ausgrabungen, im Zuge derer er u. a. die Djoser-Pyramide in Sakkarah öffnete. 1820 wurde er zum Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt und war außerordentliches Mitglied des Archäologischen Instituts in Rom.

1.2 Giuseppe Passalacqua (1797-1865) und die kulturgeschichtliche Konzeption
der ägyptischen Sammlung

Der Italiener Giuseppe Passalacqua stellte 1826 seine 1.600 Aegyptica umfassende Sammlung, die er im Zuge von Grabungen in Theben zusammengestellt hatte, in der Passage Vivienne in Paris aus.

Passalacqua hatte den italienischen Glücksritter, Abenteurer und ehemaligen Zirkusartisten Belzoni auf dessen Raubzügen in Ägypten kennengelernt und mit ihm zusammengearbeitet. Der Franzose Mariette, nach dem das Museum in Kairo benannt ist, reiht sich ebenfalls ein in ehrenwerte Gesellschaft der Räuber und Diebe wie Lord Elgin und Lord Cavernon. Ganze Tempelstädte verschwanden in den privaten Sammlungen eines neuen Standes in Europa und den USA: Industriekapitäne. Namhafte Beispiele: Paul Getty und Alfred Carnegie. Mariette noch ließ in Dendera den Zodiak herausbrechen, um ihn im Louvre auszustellen.

Zahlreiche hochrangige Besucher waren also zu diesem Spektakel geladen worden, unter anderem auch Friedrich Wilhelm III. Das Besondere an der Ausstellung war das innovative Konzept:
Die Objekte dieser Verkaufsschau waren thematisch angeordnet und mit einem wissenschaftlichen
Ausstellungskatalog auch Laien zugänglich.

Wilhelm kaufte die Sammlung und engagierte
Passalacqua, sie nach dem gleichen Muster im Westflügel des Berliner Schlosses Monbijou
aufzustellen. Zwei Jahre später wurde er zum Direktor auf Lebenszeit ernannt.

Passalacquas Konzept bestand aus der Zuordnung der Aegyptica in vier Hauptklassen,
Objets de culte, Objets d’usage de la civile, Objets funéraires und Objets divers, und machte dem Museumsbesucher erstmals eine nach didaktischen Gesichtspunkten geordnete
Sammlung zugänglich.

Sein Ziel war es, „die vielartigen aegyptischen Alterthümer nach einer wohlerwogenen wissenschaftlichen Klassification in symmetrischer Ordnung so vorteilhaft als möglich zu gruppieren, ohne daß man im Allgemeinen die unerläßliche Einheit
der Aufstellung vermisst hätte.“

Weitere Neuerungen waren die ausführliche Beschriftung der Objekte, und ein Ausstellungskatalog zur weiteren Information, wie in Paris.

Passalacqua wandte seine methodisch neuen Ansätze jedoch nicht konsequent an, um die optisch ansprechende und homogene Präsentation der Objekte nicht zu gefährden.

Das Publikum war begeistert und um den zunehmenden Besucherstrom zu drosseln, mussten zeitweise Einlasskarten ausgegeben werden.
Das neue Ausstellungskonzept plädierte für
eine wissenschaftliche Betrachtungsweise der Objekte und führte damit zu einer Aufwertung
der Aegyptica. Weg vom reinen Kuriosum hin zu einer thematischen Anordnung mit Hilfe
von Informationen, fanden auch Besucher ohne spezielle Vorkenntnisse einen Zugang zu den Objekten.

Theoretisch konnte eine breitere Öffentlichkeit dadurch angesprochen werden. Die Wertung der ägyptischen Kunst lässt sich auch an der Diskussion um ein neues Museum erkennen. Denn die Unterbringung der Sammlung im Schloss Monbijou war anfangs nur als Übergangslösung gedacht, bevor sie im Alten Museum endgültig Aufstellung erhalten sollte.

Das Vorhaben wurde allerdings bereits
bald wieder aufgegeben, da auf die Unvergleichbarkeit der ägyptischen mit den klassischen Antiken hingewiesen wurde.

Wilhelm von Humboldt, Vorsitzender der
Einrichtungskommission, befand 1830, dass sie „im klassizistischen Sammlungskonzept des Alten Museums keinen Platz (hätten), da sie keinen Kunstwert besäßen und so
keine geschmacksfördernde und genußspendende Wirkung entfalten könnten.“

Mit dem Erwerb der Sammlung Drovetti 1837 stieß das Museum an seine räumlichen Grenzen und es musste dringend eine Lösung gefunden werden.

Bevor Ignaz Maria von Olfers 1839 zum
Generaldirektor der Königlichen Museen ernannt wurde, hatte er sich als Mitglied der
Bibliotheksneubaukommission schon einmal für die Sammlung eingesetzt.

Olfers, der der Auffassung war, dass die Aufgaben der Museen bedeutungsvoller geworden seien, vor allem in „wissenschaftlicher und artistischer Beziehung“, trat nach dem Tod des Regenten an dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. heran.

Die Räume des Schlosses seien der neuen Aufgabe nicht gewachsen, gar so ungeeignet, dass die Objekte,
89000000
„deren großer Werth für Kunst und Kunstgeschichte erst in der neuesten Zeit eine lebendige und fruchtbringende Anerkennung gefunden hat, kaum zu einer günstigen Ansicht gebracht, geschweige denn in kunstgeschichtlicher Durchordnung aufgestellt“ werden könnten.

Der König konnte für die Idee einer umfassenden Kunstkollektion gewonnen werden und erteile Olfers den Auftrag, ein Gutachten zu erstellen, in dem dieser 1841 einen Museumsneubau für die gesamte Sammlung vorschlug.
Die öffentliche Ausschreibung fand statt; noch im Juni desselben Jahres erhielt August
Stüler den Auftrag, das Neue Museum zu entwerfen und einen Gesamtbebauungsplan für
die Museumsinsel aufzustellen.

Die gesamte Spree-Insel sollte „hinter dem Alten Museum zu einer Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ umgestaltet werden.
Obwohl die Grundsteinlegung für das Neue Museum am 6. April 1843 stattfand, zog sich aufgrund der enormen Defizite im Staatshaushalt die Fertigstellung über Jahre hin.

Mit dem Bau des Neuen Museums und der veränderten Berliner Museumslandschaft wurden die Königlichen Museen international attraktiv und wettbewerbsfähig. Auch das neuartige Museumskonzept leistete seinen Beitrag dazu.

Wilhelm von Kaulbach konzipierte dazu ein großformatiges historisches Bildprogramm, das die Geschichte der Menschheit darstellte. Auch wurde, anstatt Schinkels
geschichtsphilosophisches Konzept aus dem Alten Museum zu übernehmen, ein neueres
geschichtsdidaktisches Konzept entwickelt. Die Änderung des Museumskonzeptes ist
ebenfalls in dem neuen Sammlungsgefüge erkennbar: Sowohl ein Teil der Kunstsammlung als auch die außereuropäischen Sammlungen wurden unter einem Dach, im Sinne der Hegel’schen Entwicklungstheorie, zusammengefasst.

Jede der drei Etagen symbolisierte
eine menschliche Kunstentwicklung: die Symbolische anhand der ägyptischen,
ethnografischen und prähistorischen Sammlung; die Klassische in der Gipsabgußsammlung und die Romantische durch die Werke der Kunstkammer und des Kupferstichkabinetts.

Das Neue Museum führte damit weg von einem Kunstmuseum hin zu einer historisch ausgerichteten Bildungsanstalt.

1.3 Richard Lepsius (1810-1884) und seine historische Konzeption

Mit der Entzifferung der Hieroglyphen durch den Franzosen Jean François Champollion
fühlte sich Berlin unter Zugzwang, die Ägyptologie als eigenständige Wissenschaft auch hier zu etablieren.

Die Berliner Akademie der Wissenschaften stellte 1833 Mittel zur Verfügung,
die es einem jungen Gelehrten ermöglichen sollten, sich eingehend mit der neuen
Wissenschaft zu beschäftigen. Die Wahl fiel auf den 23-jährigen Richard Lepsius, der neben der finanziellen Förderung auch Alexander von Humboldt, den Archäologen Eduard Gerhard und den Theologen und Orientalisten Baron Christian von Bunsen als Mentoren erhielt.

Sie unterstützten ihn darin, seinen Fokus auf ägyptologische Themen zu richten. Begünstigt
wurde dies auch durch das Versprechen, nach Abschluss seiner Studien die Direktorenstelle
am Ägyptischen Museum zu erhalten.

Nach einem Studienaufenthalt in Paris, wo er sich erstmals auch Champollions Schriften widmete, machte Lepsius eine Studienreise von Paris über Turin, Pisa und Livorno nach Rom.

Die erste ägyptologische Arbeit publizierte er
jedoch erst 1837 und verhalf damit den umstrittenen Thesen Champollions zum eigentlichen Durchbruch. Nach einem längeren Aufenthalt in Rom, wo er am Archäologischen Institut tätig war, reiste er weiter nach England und Holland, um die dortige Museumslandschaft kennen zu lernen.

Richard Lepsius führte 1842 die zweite Preußische Expedition nach Ägypten. Zwei Jahre hatten die Planungen der groß angelegten Forschungsreise gedauert, deren Hauptziel es war, neue Aegyptica für das Berliner Museum zu beschaffen.

Er wurde durch ein ausgewähltes
Team von Wissenschaftlern und Künstlern unterstützt und erhielt ein persönliches Schreiben und Gastgeschenke ( eine üppige Vasenkollektion KPM) des Königs an den Khediven Mohammed Ali.

Die Expedition begann im Oktober 1842 in Ägypten und endete drei Jahre später im
Libanon.

Die wissenschaftliche Ausbeute war immens: Allein für Ägypten wurden 130 Gräber und 67 Pyramiden dokumentiert, Nekropolen und Tempel entdeckt, vermessen und erforscht sowie tausende Zeichnungen von Reliefs und Inschriften angefertigt.

Lepsius besaß eine vollständige Lizenz zu allen Ausgrabungen, die er für wünschenswert hielt. Alle Arbeiter und Hilfsmittel wurden ihm von der ägyptischen Regierung gestellt. Die Monumente aus dem Süden wurden auf Regierungsbarken bis Alexandria verschifft. Die Exportlizenz wurde wiederholt schriftlich fixiert und die Sammlung vom Vizekönig dem König von Preußen zum GESCHENK GEMACHT.

Lepsius beschäftigte täglich 40 bis 60 einheimische Arbeiter und ließ sogar aus Berlin 4 Spezialarbeiter kommen, die die riesigen Sarkophage bergen sollten.

Mit Lepsius wurde schließlich auch die Berliner Ägyptologische Schule gegründet. Als Historiker versuchte er, einen neutralen Blick auf die Geschichte zu wahren. Sein Hauptwerk Denkmaeler aus Aegypten und Aethiopien
umfasst zwölf Bände. Neben seiner Anstellung an der Universität und im Museum war er 1867 bis 1880
Präsident des Archäologischen Instituts in Rom und von 1873 bis zu seinem Tod auch Leiter der Königlichen Bibliothek zu Berlin.

Unter den 1.500 Aegyptica für Berlin befanden sich unter anderem allein drei
Grabkammern aus Mastabas des Alten Reichs, die fachmännisch zerlegt nach Preußen
transportiert wurden.

Die Expedition hatte weit reichende Folgen:

Das Ägyptische Museum Berlin wurde zu einem der führenden Museen der Welt und Lepsius‘ Karriere wurde weiter vorangetrieben. Nach seiner Berufung auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Ägyptologie
wurde er 1850 zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften und 1856 zum
Direktor des Museums ernannt.

Die Unterbringung der neuen Aegyptica im Museum Monbijou war auf Grund ihres
Umfangs nicht zu bewerkstelligen. Lepsius hatte noch vor seiner Rückkehr nach Berlin
brieflichen Kontakt mit Olfers anlässlich der Unterbringung aufgenommen und war offensichtlich dazu aufgefordert worden, sich Gedanken über ein neues Ägyptisches Museum zu machen.

Neben der gedachten historischen Ordnung der Hauptsäle und mit ägyptischem Dekor entwickelte Lepsius ein Programm farbiger Wandgemälde, bestehend aus einer vollständigen Königsreihe
und einer Zusammenstellung verschiedener Götterkreise, mit dem Ziel, den
Museumsbesucher zu belehren und die Objekte in einen anschaulichen
Informationshintergrund zu integrieren.

In einer 1886 publizierten Beschreibung der
Wandgemälde wurde der Nutzen folgendermaßen beschrieben:
„Die Dekoration der Räume […] soll dem Besucher […] auch diejenigen Seiten der Kultur der alten Aegypter zur Anschauung bringen, die unser Besitz an originalen Denkmälern allein nicht veranschaulichen können. Und gleichzeitig soll sie dazu dienen, den aus der Sammlung selbst gewonnenen Begriff von ägyptischer Kunst zu ergänzen, indem sie die Gesamtwirkung großer, auch in ihren Farben wohl erhaltener Malereien und Reliefs zeigt.“

Parallel hatte sich auch Passalacqua Gedanken über die Unterbringung der ägyptischen
Sammlung gemacht. Er spielte sogar mit dem Gedanken, einen Museumsneubau nach altägyptischen Vorlagen zu errichten, um die richtige Atmosphäre für die Objekte zu schaffen und ihre Wirkung zu steigern.

1843 veröffentlichte er einen Entwurf für ein Ägyptisches Museum, der jedoch auf Grund der fortgeschrittenen Planungen für das Neue Museum zum Scheitern verurteilt war. Er war von Beginn an chancenlos gegenüber Olfers und Lepsius.

Als die ägyptische Sammlung im September 1850 in das Neue Museum gebracht wurde, hatte sich Lepsius auch beim Innenausbau mit seinem Konzept gegenüber Passalacqua
durchgesetzt. Ein Teil der Räume war ägyptischen Bauwerken nachempfunden: die
Säulen im historischen Saal, der Gräbersaal im Nordflügel, der Ägyptische Hof
und die sich nördlich anschließenden Räume. Hinzu kam die authentisch wirkende malerische Ausgestaltung der Räumlichkeiten.

Die Reaktionen waren allerdings durchwachsen.
Emmanuel de Rougé, der Nachfolger Champollions im Louvre, kritisierte, dass die Farben zu grell seien, die Umgebung geradezu scheckig und die Aegyptiaca wie alte Steinbrocken wirkten. Auch wurden seinem Empfinden nach die Denkmäler „überrestauriert“, sodass sie zum Teil „in einem Berg voll Gips“ untergingen.

Auch die Aufstellung der Objekte erfolgte nach der Vorstellung Lepsius‘, der versuchte, ein historisches Museumskonzept zu verwirklichen. Bereits in Ägypten hatte er auf die Datierbarkeit der Objekte geachtet, um eine chronologische Ordnung gewährleisten zu
können und dabei wertvollere, aber undatierbare Stücke gar nicht erst mit nach Berlin gebracht.

Kleinfunde, die Lepsius zeitlich nicht zuordnen konnte und daher für ihn nur sekundär von Bedeutung waren, wurden Passalacqua zum Einräumen überlassen. Der Versuch, im Historischen Saal die Exponate in Verbindung zu seinem Wandbildprogramm zu setzen und kleinere Stücke in Glasvitrinen in der Mitte des Raumes zu platzieren, scheiterte an der Quantität der Objekte gegenüber der viel zu kleinen Ausstellungsfläche.

Das Ergebnis war eine grob chronologische Ordnung der Altertümer ab der 18. Dynastie, die überhaupt nicht parallel zum Dekor verlief. Zudem wurden die Stücke aus dem Alten und Mittleren Reich im Gräbersaal
untergebracht und jüngere Rundplastiken wie auch übergroße Reliefs frei platziert.

Die daraus entstandene Diskrepanz wurde hingenommen. Aber auch das Bildkonzept wirkte im Neuen Museum nicht optimal. Ein Kritikpunkt war die unexakte archäologische Wiedergabe der Bildkopien. Zudem dominierten sie die ausgestellten Exponate und verdunkelten zusätzlich die Räume.

Olfers und Passalacqua hatten bereits zu dieser Zeit offene und massive Differenzen. Die konzeptionelle Planung des Neuen Museums wollte Olfers nicht einem Autodidakten überlassen, der darüber hinaus andere museologische Prinzipien vertrat als er.

Wurden die Aegyptica zu Beginn lediglich als Kuriositäten betrachtet, deren
wissenschaftlicher Wert erst Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckt wurde, kann Lepsius als
derjenige gesehen werden, der „Ägypten“ nach Berlin und als erster in die Wissenschaft geholt hat. Sein Konzept, seine Inszenierung der Objekte, diente zur Belehrung der Besucher in einer authentischen Umgebung.

Das Publikum sollte „einen ersten vielfältigen Eindruck von den Kunstschöpfungen einer fremden und exotischen Kultur empfangen“, wobei die dazu eingesetzten Mittel beim Besucher durchaus Entzücken und Ehrfurcht hervorrufen konnten.

1.4 Die Neuorganisation der Sammlung unter Adolf Erman (1854-1937)

Als er 1884 nach dem Tod von Lepsius
Direktor des Ägyptischen Museums wurde, war das Sammlungskonzept nur geringfügig
verändert worden und entsprach nicht mehr den Ansprüchen, die Ende des 19. Jahrhunderts an ein Ägyptisches Museum gestellt wurden.

In seinen Lebensaufzeichnungen schreibt
Erman:
„Dem Geiste der Zeit Friedrich Wilhelms IV. entsprechend waren Räume geschaffen, die dem Besucher einen ägyptischen Tempel und ägyptische Malereien veranschaulichen sollten. In diese Säle mit ihren bunten, aufdringlichen Farben waren nun die armen bescheidenen Altertümer irgendwie hineingesetzt. Ob sie im richtigen Lichte standen oder überhaupt im Lichte, danach hatte offenbar niemand gefragt. […] und wonach waren sie geordnet? Nicht
nach ihrer Bestimmung und nicht nach ihrer Zeit, sondern ausschließlich nach dem Material, aus dem sie bestanden!“

Die Überarbeitung des Museumskonzeptes wurde vor allem durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt begünstigt, der es erlaubte, die Exponate nun systematisch nach chronologischen Gesichtspunkten zu ordnen. Neben der Reorganisation der Objekte nach ihren jeweiligen Epochen unter Beilegung kleiner Informationstafeln mussten Erman und seine Mitarbeiter das Magazin nach den neuen Erkenntnissen vollkommen neu inventarisieren.

Lepsius‘ Bilderwerk war ein weiterer Punkt. Hatte dieser noch versucht, ein ganzheitliches Konzept zu verwirklichen, ließ Erman die Dekorationen mit Ausnahme der Decken und des Tempelhofs überstreichen.

Auch er sah es als seine Aufgabe und die des Museums an, allen Besuchern die ägyptische
Sammlung zugänglich zu machen.
Neben den Informationstafeln erarbeitete er das Ausführliche Verzeichnis der aegyptischen Altertümer, Gipsabgüsse und Papyri, das 1894 publiziert wurde und dessen zweite Auflage 1899 bereits vergriffen war.

Unter seiner Führung wurde auch die Ausweitung des Bestandes vorangetrieben. Mithilfe eines ausgebauten Netzes von Ankaufvermittlern und Mäzenen gelang es ihm, einige der berühmtesten Objekte für das Museum zu erwerben und dadurch die Sammlung von 8.500 auf 21.000 Objekte zu erweitern.

Sein Fokus lag vor allem auf der Papyrussammlung, die er durch eine eigene Reise im Winter 1885/86 und durch Mäzene wie James Simon und Carl Reinhardt vergrößern konnte. Weitere wichtige Anschaffungen und Funde waren: 1886 die diplomatischen Briefe aus El-Amarna, 1894 der „Grüne Kopf“, das „künstlerische Hauptstück“ der Sammlung und 1912 die Büste der Nofretete, die allerdings James Simon erst 1926 endgültig übergab..

Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Ägyptologie als Wissenschaft endgültig etabliert. Anders als Lepsius legte Erman den Fokus erneut auf das Objekt, das aus dem ganzheitlichen Gefüge herausgenommen wurde und damit eine Bedeutung als Einzelexponat erhielt.

Ermans Konzeption war beinahe nüchtern im Gegensatz zu der seiner Vorgänger und deutete auf eine neue Einstellung gegenüber der Wissenschaft hin.
Die Entfremdung zwischen Wissenschaft
und bürgerlicher Ägyptomanie kommen auch in Ermans Erinnerungen zu Tage:

„Die Halbgebildeten frugen mit Vorliebe, ob diese Inschrift „schon entziffert“ sei, oder sie
wünschten, die Mumie der Kleopatra zu sehen oder die Mumie eines Apis; „nicht einmal
einen Apis haben sie“, höre ich noch einen Offizier mit knarrender Stimme sagen. Viel netter waren die ganz naiven Leute. So der alte Jude, der den seinen eine ausgewickelte Mumie zeigte, an deren armen Knochen noch ein paar Leinwandfetzen hafteten; „die ist mit Stoff garniert“, sagte er allen Ernstes.

Überhaupt waren die Mumien, an denen doch gar nichts zu sehen ist, für diesen Teil des Publikums das Interessanteste, und ich wußte schon, was einer wollte, wenn er mich frug: „wo komm ich denn hier zu den Ahnen?“ oder noch rätselhafter:
„Wo is denn hier das, wo man so rein darf, wo es was kostet?“ – der Mann verwechselte das
Museum mit dem Panoptikum und seiner 'Schreckenskammer‘, die sich dem Besucher nur gegen besonderes Entree öffnete.“

Von der wissenschaftlichen Entwicklung abgesehen, haftete den Aegyptica lange noch der Zug des Kuriosen, Exotischen und Rätselhaften an, der das Publikum faszinierte.

Auf der anderen Seite war es mithilfe des Museums auch den „Halbgebildeten“ oder „naiven Leuten“ möglich gewesen, das Alte Ägypten für sich zu entdecken und sich dem Land anzunähern.

Am besten tut man dies heute noch mit einer Studienreise, vielleicht unter meiner Leitung oder mindestens mit einem Besuch des Neuen Museums, ganz uneigennützig unter meiner Führung.

Als weiteren Teil meiner Ausführungen will ich ihnen einerseits die heute noch sichtbaren Ergebnisse der Ideen von Lepsius anschaulich machen und zeigen, wie Chipperfield und Wildung bei der Restauration damit umgegangen sind.



Dies war ein Vortrag im Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau
©Cg 12.11.2011