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Die Sprüche sind größtenteils magischer Natur.
Aus verschiedenen Ritualen zusammengeflossen, gelten sie dem abgeschiedenen Gottkönig, für den sie Auferstehung, Versorgung mit allem Nötigen, Himmelfahrt , Eroberung des Jenseits, Rechtfertigung vor der Gottheit und Verklärung im Totenreich am Himmel erwirken.

„ Erhebe Dich, König Unas da! Nimm Dir Deinen Kopf, sammle Dir Deine Knochen, raff´ Deine Glieder zusammen, schüttle die Erde von Deinem Fleisch! Empfange Dein Brot, das nicht schimmeln kann, Dein Bier, das nicht sauer werden kann! Gerste ist Dir gedroschen, Spelt ist Dir gemäht worden! Erhebe Dich, König Unas da! Du sollst nicht gestorben sein!“

Himmelfahrt:
„ Nicht schläft er fortab in seinem Grabe so, dass seine Knochen zerfielen! Seine Gebrechen sind getilgt; König Unas ist auf dem Wege zum Himmel. Als Reiher ist er himmelwärts geflogen gleiche einer Wolke. Er hat den Himmel geküsst als Falke. Er hat den Himmel erreicht wie ein Heuschreckenschwarm, der die Sonne verfinstert. Er steigt auf dem Rauche des großen Duftes hervor. Er fliegt als Vogel und lässt sich nieder auf einem leeren Sitze im Schiffe des Sonnengottes. Er rudert im Himmel in Deinem Schiffe, er stakt in Deinem Schiffe, o Sonnengott! Wenn Du aus dem Horizonte hervorgehst, so ist er, mit seinem Stabe in der Hand, der Pilot des Schiffes, o Sonnengott. O Sonnen-Allgott, König Unas kommt zu Dir, - ein unvergänglicher Geist! Dein Sohn kommt zu Dir, damit ihr gemeinsam den Himmelsweg durchschreitet – vereint in der Finsternis – und aufgeht am Horizonte , wo es Euch gefällt. O Sonnen – Allgott, Dein Sohn kommt zu Dir; laß ihn zu Dir aufsteigen, schließ ihn in Deine Arme, -Dein leiblicher Sohn ist ewiglich!“

Grabritual und Totenreinigung:
„ o König, die Horusdiener reinigen Dich, sie baden Dich, sie trocknen Dich ab, sie sagen für Dich den Spruch vom rechten Wege und sagen für Dich den Spruch von der Auferstehung. Du hast dein Herz, Osiris, Du hast deine Füße, Osiris, Du hast Deinen Arm, Osiris! So wahr Osiris lebt, wird er auch leben, so wahr Osiris nicht gestorben ist, wird auch er nicht sterben, so wahr wie Osiris nicht vernichtet ist, wird auch er nicht vernichtet werden.
Du steigst zum Himmel, Du entfernst Dich von der Erde....“


Drohende Gefahren und Prüfungen:
„ Kommt ihm zu Hilfe! Kommt Ihm zu Hilfe! Der >Abscheu des Königs Unas ist es, in der Finsternis zu wandeln, ohne dass er sieht. König Unas bringt die Wahrhaftigkeit, die in seinem Besitz ist. Nicht wird König Unas eurer Feuersglut überantwortet werden, ihr Götter! O meine Vater! Mein Vater in der Finsternis! Mein Vater All-gott in der Finsternis! Hol mich an Deine Seite, damit ich, zum Stern geworden, Dir ein Lichtchen anzünde und Dich behüte! Denn groß ist die Einsamkeit und der Schauer der Verlassenheit auf dem lange Wege zu den Sternenbildern am Himmel.“

Anrufung und Bekenntnis:
„Sei gegrüßt, o großer Gott, Du Herr der beiden Wahrheiten! Ich kenne Dich und kenne die Namen der zweiundvierzig Götter, die bei Dir sind in der Grichtshalle. Siehe ich bin zu Dir gekommen und bringe Dir die Wahrheit und vertreiben die Sünde!“

„Ich habe keine Sünde begangen gegen die Menschen. Ich habe niemand benachteiligt. Ich habe nicht gefehlt an dem Sitze der Wahrheit. Ich habe nichts Böses verübt. Ich habe nichts getan, was der Gott verabscheut. Ich habe keinen Diener bei seinem Herrn verleumdet. Ich habe nicht hungern lassen. Ich habe niemanden zum Weinen gebracht. Ich habe nicht getötet. Ich habe nicht zu töten befohlen. Ich habe nichts Böses gegen irgendwelche Menschen getan. Ich habe nicht die Opferspeisen in den Tempeln geschmälert. Ich habe mich nicht an den Opferbroten der Götter vergriffen. Ich habe nicht den Opferkuchen der Verklärten geraubt. Ich habe nicht unerlaubten Geschlechtsverkehr gehabt. Ich habe nicht widernatürliche Unzucht getrieben. Ich habe am Kormaß nichts zugefügt und nichts gemindert. Ich habe das Ackermaß nicht verkleinert.“


Nach der Prüfung mit günstigem Ergebnis ergriff Horus die Hand des gerechtfertigten Verklärten und führte ihn an den Thron des Osiris, der ihm seinen Platz im Unterweltreiche zuteilte. Im anderen falle drohte Vernichtung durch mischgestaltige Ungeheuer, die „ Fresserin des Westens“.
In dieser Totengerichtsvorstellung tritt erstmals in der Menschheitsgeschichte der Gedanke auf, dass das Schicksal des Menschen abhängig ist vom sittlichen Verhalten im Diesseits. Diesem Gottesgericht ist jeder unterworfen, auch der Pharao.

Der Richtspruch verkündet die Entscheidung:
„ Geöffnet ist Dir das Tor des Himmels! Aufgetan ist Dir das Tor des Firmaments! Bahne Dir einen Platz am Himmel unter den unvergänglichen Sternen!“

Der Verstorbene antwortet:
„ Ihr Himmelspförtner, sagt nun dem Himmelsgott meinen guten Namen! Jubelt mir zu, jubelt meinem Lebensgeiste zu, denn ich habe vor dem Richter bestanden , und gerechtfertigt ist mein Lebensgeist bei dem Gott!“

Die Himmelsbewohner gerüßen ihn:
„ Du bist auf dem Thron des Osiris, als Stellvertreter des Ersten der Westlichen! Nimm Dir Deine Macht, empfange Deine krone! O König, wie schön ist dies, was Dein vater Osiris an Dir getan hat: er hat Dir seinen eigenen Thron überantwortet, auf dass alle Verklärten Dir folgen!“

Wie in einem Beamtenstaat üblich, wird alles ordentlich vom Götterboten verbucht:
„ Anubis, der Gott der die Herren Zählt, er strich den zum Osiris Gewordenen aus der Zahl der Götter der Erde und setzt ihn ein in das Verzeichnis der Götter des Himmels.“

Bildgewaltige Spruchfolgen schildern das Leben des Verklärten im Jenseits, in den Gefilden der unerschöpflichen Fruchtfülle, aus denen er – mit Sonnen und Mond stets wiederkehrend – zugleich auf seinem irdischen Herscherbreich fortzuwirken vermag. Der Tote hat sich in seinem Weg an Jenseitsdämonen vorbei zu bahnen, die möglicherweise Sternbilder sind. Er muss das zweiflügelige Himmelstor passieren und ist dann genötigt, sich einer Fähre zu bedienen, um in das glückliche Binsengefilde überzusetzen, wo Gerste, Spelt und Futterkraut im Überfluss gedeihen und reine Fruchtbäume gedeihen:


„ Seth und Nephthys eilet! Verkündet den südlichen Göttern und ihren Verklärten: Er kommt, ein vernichtungsloser Verklärter! Die Himmelsgöttin Nut ist es, die sein Leben macht, Sie ist es, die ihn gebiert. Er fährt zu der Ostseite des Himmels, zu dem Ort, wo die Götter geboren werden und wo er mit ihnen geboren wird, erneut, verjüngt...
Du gehörst fortab zu denen, die den Sonnegott umgeben, die vor dem Morgengrauen sind. Du wirst geboren wie der Mond an seinen Neumonden; der Sonnengott lehnt sich auf Dich im Orte des Lichts.
Die Tore des Himmels werden Dir geöffnet, die Tore des kühlen Wassers werden Dir aufgetan. Du findest den Sonnengott stehend, er nimmt Dich bei der Hand, er führt Dich in die beide Götterwohnungen des Himmels, er setzt Dich auf den Thron des Osiris.
Fortan gehörst Du zu den Geliebten des Gottes, die sich stützen auf ihre Zepter, die sich in rotes Leinen kleiden, die von Feigen leben, die vom Weine trinken und sich mit feinem Öl salben.
Er empfängt seinen Anteil von dem, was in der Scheuer des großen Gottes ist; er wird gekleidet von dem Unvergänglichen und hat Brot und Bier, die ewig dauern. Wenn Re ißt, so gibt er ihm, wenn Re trinkt, so gibt er ihm. Er schläft gesund alle Tage....es geht ihm heute besser als gestern. Wie schön ist es doch zu schauen, wie herrlich zu sehen, wenn Du aufsteigst zu den unvergänglichen Sternen, Dein Herrscherkopftuch auf Deinem Haupte, Deine Zauberkraft vor Dir. Und so gehst Du zu Deiner Mutter, der Himmelsgöttin Nut. Sie ruft Dich mit den Göttern, die auf Erden wohnen, auf dass Du mit ihnen seiest und auf Ihren Armen schreitest. König Unas ist zu seinem Thron gekommen und er erscheint in der Gestalt eines Sternes!


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