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  • Preußen am Nil
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In seinem „ Briefe aus Ägypten , Äthiopien und der Halbinsel Sinai, geschrieben in den Jahren 1842-1845 während der auf Befehl Sr. Majestät des Königs Friedrich Wilhelm IV von Preußen ausgeführten wissenschaftlichen Expedition“
schreibt Richard Lepsius:

„Gestern am 15. Oktober ( 1842 ) war Königs Geburtstag. Ich hatte diesen Tag für den ersten Besuch der großen Pyramiden vorgesehen. An dreißig Beduinen hatten sich um uns versammelt, und warteten auf den Augenblick, da wir die Pyramiden besteigen würden, um uns mit ihren kräftigen braunen Armen die drei bis vier Fuß hohen Stufen hinauf zu heben.

Kaum war das Zeichen zum Aufbruch gegeben, so war auch schon ein Jeder von einem Beduinen umringt, die ihn wie im Wirbelwind den rauen steilen Weg zum Gipfel hinaufrissen.


Wenige Minuten später entfaltete unsere Fahne auf dem Gipfel des ältesten und höchsten aller Menschenwerke, die wir kennen, den preußischen Adler , den wir mit einem dreifach jubelnden Lebehoch auf unseren König begrüßten. Nach Süden fliegend, wendete der Adler sein gekröntes Haupt der Heimat zu gen Norden.

Auch wir schauten heimatwärts und ein jeder gedachte laut oder still in seinem Herzen derer, die er dort liebend zurückgelassen hatte.“

Gedenkinschrift über dem antiken „Haupteingang“ der Cheorppyramide:

„So sprechen die Diener des Königs, des Name Sonne und Fels Preußens ist, Lepsius der Schreiber, Erbkam der Architekt, die Brüder Weidenbach die Maler, Fray der Maler, Franke der Former, Bonomi der Bildhauer, Wild der Architekt:

Heil dem Adler, der das Kreuz schützt, dem König der Adler des Re, dem Sohn des Re, dem Retter des Vaterlandes Friedrich Wilhelm dem Vierten, den sein Vater erwählt hat.

Heil dem Adler, dem König Sonne und Fels Preußens, dem Philopater, dem Landesvater, dem Huldreichen, dem Lieblingen der Weisheit und der Geschichte, dem Hüter des Rheinstromes, den Deutschland erkoren, dem Lebensspender allezeit.

Möge gewähren dem Könige und seiner Gemahlin der Königin Elsabeth, der Lebensreichen, der Philometor, der Landesmutter, der Huldreichen, der Höchste Gott ein immer frisches Leben auf Erden für lange und eine selige Wohnung im Himmel für ewig.

Im Jahre unseres Heilandes 1842, im zehnten Monat, am fünfzehnten Tage, am 47ten Geburtstage seiner Majestät, auf der Pyramide des Königs Cheops, im dritten Jahre, im fünften Monat, am neunten Tage der Regierung seiner Majestät, im Jahre 3164 vom Anfange der Sothisperiode unter dem Könige Menephthes.“


Champollions Pioniertat ist nicht der Endpunkt einer langen Forschungsgeschichte, sondern der spektakuläre Auftritt zu einem intellektuellen Abenteuer, das noch Generationen von Forschern in Atem halten sollte.

Die Veröffentlichungen seiner Arbeiten konnte er selber nicht miterleben. Erst vier Jahre nach seinem Tod 1832 erscheint seine Grammatik und sein Wörterbuch.

Nicht Frankreich, sondern das Ausland ist es, das sich um die Fortsetzungen seines Erbes sorgt. Alexander von Humboldt hatte 1882 in Paris an einer Akademiesitzung teilgenommen, in der Champollion seine Arbeiten vorlegte.

Es entspannt sich ein reger wissenschaftlicher Briefwechsel . Die Brüder Humboldt und Baron Christian Bunsen waren die Zentralfiguren des geistigen Lebens ihrer Zeit. Insbesondere Bunsen war es, der sich verpflichtet fühlte, das Werk des Franzosen fortzusetzen. Ein gerade 23-jähriger, frisch promovierte Sprachwissenschaftler und Archäologe war dazu ausersehen, in Champollions Spuren zu treten, der aus Naumburg gebürtige Richard Lepsius.

1833 kam er bei seinen weiteren Studien in Paris in Kontakt mit dem damals umstrittenen Werk des Franzosen.

Auf ausdrückliche Empfehlung Alexander von Humboldts fand Lepsius Zugang zu den bedeutendsten Linguisten und Orientalisten und wird deren wissenschaftlicher Assistent.

1833 erhält er von Bunsen das Angebot , sich in Rom insbesondere dem weiteren Studium der Schrift und Sprache der alten Ägypter hinzugeben. Lepsius war so gut, er konnte Bedingungen stellen: Er geht nur dann nach Rom, wenn er danach Leiter der ägyptischen Sammlung in Berlin wird.

Was hatte diese Sammlung 1833 denn zu bieten? Sie war gerade mal 10 Jahre alt. Ihre Ursprünge reichten Zurück ins späte 17. Jahrhundert, wo sich - wie an so vielen europäischen Fürstenhöfen üblich - in der Kunstkammer des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III auch ägyptische Altertümer befinden.

Seit dem 4.4.1698 sind Ägyptica nachweisbar. Es waren keine bedeutenden Stücke, eher Kuriosita aus einer fremden und rätselhaften Kultur. Ägypten ist noch aus anderer Perspektive in und um Berlin präsent:
In den Elementen seiner Architektur seiner Schlösser und Gärten. Obelisken mit unlesbaren Phantasiehieroglyphen, die Orangerie, der Eiskeller. Eine intensive und fachliche Auseinandersetzung fand nicht statt.

Erst in der Folge von Napoleons Ägyptenfeldzug, dem raschen Wachstum der Sammlungen in London, Paris und Turin wächst auch am preußischen Hof das Bedürfnis, auch auf diesem Gebiet Eigeniniative zu entwickeln.

So fand der Plan einer groß angelegten Forschungsreise in den Orient, die Minutoli schon 1820 am Hofe vorlegte, von Seiten der Behörden Zustimmung und Förderung.

Minutoli war 1820 aufgrund seiner privaten Antikensammlung Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften geworden. Das königliche Ministerium für Kultus und öffentlichen Unterricht ( Wilhelm von Humboldt) stellt ihm Architekten und Naturwissenschaftler ab. Seine Ausbeute ist enorm, jedoch geht ein Großteil der Ladung ( 97 von 120 Kisten) in einem Sturm in der Elbmündung über Bord. Minutoli arbeitet außerordentlich akribisch seine Funde auf.

Er entrüstet sich über die rücksichtslose Zerstörung der Fundstellen durch die Einheimischen und besonders die Europäer. So haben zum Beispiel die Franzosen in Dendera den Zodiak gewaltsam herausgebrochen und nach Paris entführt.

Aber ein Hindernis gab es noch: die Schrift war noch nicht entziffert. Erst Alexander von Humboldt verbreitet dessen erste Erkenntnisse.

Minutoli übergibt Wilhelm III seine Sammlung. Sie ist dem König 22 000 Thaler wert als „ein Beweis der königlichen Sorge für die Beförderung jedes wissenschaftlichen und Kunstinteresses“. Mit der Zusammenführung weiterer Sammlungen ist 1823 das Ägyptische Museum zu Berlin geboren.

Die Sammlungen finden zunächst Platz in der langen Galerie des Gartenschlosses Monbijou. Eine wissenschaftliche Betreuung findet kaum statt, nur Wilhelm von Humboldt widmet sich ägyptischen Studien.

So bleibt die Ägyptologie zunächst eine Angelegenheit der Humboldts, denn 1827 schließt Alexander im Auftrag des Königs in Paris einen Kaufvertrag über nahezu 1600 Exponate, die Sammlung Passalacqua. Diese italienische Kaufmann war auf seinen Handelsreise Belzoni begegnet. Seine erwachte Leidenschaft ging schnell über die Sammelleidenschaft hinaus. Er finanzierte und Betrieb die ersten systematischen Ausgrabungen. Anders als der Mecklenburgische Kaufmann dokumentiert er als erster seiner Zunft den Grabfund, bevor er ihn birgt. Über Triest gelangt seine Sammlung 1826 nach Paris.

Seine Bemühungen, die Sammlung geschlossen an den Louvre zu verkaufen, blieben erfolglos. Als die Zerstreuung der Sammlung drohte, kaufte Preußen für 100 000,- Francs die komplette Sammlung. Im Vertrag wird vereinbart, dass der Italiener Ab - und Aufbau begleiten soll. Durch diesen Ankauf steigt die Berliner Sammlung zu europäischer Geltung auf.

1828 wird Passalacqua durch Minister Altenstein zum Direktor der Sammlung ernannt. Der Bestandskatalog umfasst schon die ansehnlich Zahl von 6000 Objekten.1834 wird die Sammlung noch um die Papyrusabteilung erweitert. An den Direktor geht dann der Auftrag für einen Museumsneubau.

Die Pläne werden jedoch nie verwirklicht. Der Italiener bleibt bis zu seinem Tode Direktor, die letzten zehn Jahre muß er jedoch die Leitung mit dem neuen Kodirektor, Richard Lepsius, teilen. Dieser hatte 1835 die Ergebnisse seiner ägyptischen Studien vorgelegt.

„Über die Anordnung und Verwandtschaft des Semitischen, Indischen, Altpersischen, Altägyptischen und Äthiopischen Alphabeths“.

Die Berliner Akademie finanziert weitere Studien und insbesondere Studienreisen. Bald wird Lepsius als legitimer Nachfolger Champollions legitimiert. Er geht jedoch wesentlich Über dessen Arbeit und Bedeutung hinaus.

Die Leipziger Konkurrenten widersetzen sich. Aggressiv in Sprache und Inhalt wollen sie nicht aus ihren ausgefahrenen Gleisen. In beharrlicher Ignoranz versteigen sie sich in Arbeite, wie z.B. zu behaupten, dass es unumstößliche Beweise dafür gebe, dass 3446 acn die Sündfluth geendet und das Alphabeth aller Völker erfunden worden sei. Heute würde er bei den evangelikalen Kreationisten begeisterte Käufer finden.

Lepsius findet seine Anerkennung dann in der Ernennung zum Ordinarius für Ägyptologie an der Berliner Universität.

Erklärtes Ziel der preußischen Expedition von 1842 in neben der Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse vor allem die Gewinnung von Objekten für die Sammlung. Oft kommen die Engländer oder Franzosen ihm zuvor, die seine Wunschobjekte ihm einfach vor seiner Nase wegschnappen.

Dennoch war seine Ausbeute außerordentlich reich, sie umfasst ca. 1500 Objekte. Es war eine wahrhaft fürstliche Gegengabe des ägyptischen Vizekönigs Mohamed Ali an den preußischen König Fr.Wilhelm IV, der der Expedition als Diplomatische Geste mehrere Vasen der KPM mitgegeben hatte. Im Gegenzug billigte Ali persönlich die Ausfuhr aller Objekte.

Die Ergebnisse der Expedition wurden lange nach seiner Rückkehr veröffentlicht:“ Die Denkmäler aus Ägypten und Äthiopien“
Lepsius´ Ansatz war es auch, die Kunstschätze vor der Zerstörung zu retten. Kaum vorstellbar waren die Räubereien.
Seit Champolions Reisen 1828 waren ganze Tempelanlagen verschwunden, mit Billigung der Regierung abgetragen und als Baumaterial für Fabriken verwendet worden.

Lepsius´ Arbeiten sind heute noch Grundlagenwerke der Archäologie. Berlin ist bis heute ein internationaler Brennpunkt ägyptologischer Forschung.

Die preußische Lepsiusexpedition begründete die noch heute angewandte Feldforschung.

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