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Kunst und Geschichte


Wir empfinden unsere Erlebnisse mit diesem Themenbereich zunächst als reizvolles Gebilde einer anderen Welt. Wenn wir es aber geistig zu durchdringen versuchen, verstehen wir es trotzdem immer anders, denn wir bleiben dabei in unseren Denkkategorien verhaftet.

Denn wir unterliegen einem fundamentalen Missverständnis. Geschichte wird oft nicht verstanden. Oft ist es bildungsbürgerliche Attitüde ohne tiefgreifende Sachkenntnis oder einfach nur Nostalgie, ein grandios vermarkteter Erinnerungsromantizismus. Kultur wird zum hypen Kult, aus der Vergangenheit wird die „gute alte Zeit“, die oft nicht gut, sondern nur anders als heute war. Das ist Kultur aus der Boutique, ein schicker Reiz, jedoch ohne Reflexionsmöglichkeiten, ohne Identifikationsangebote.

Wir müssen uns also dem Phänomen auf andere Weise nähern. In der immer stärker werdenden Hinwendung zu kulturellen und historischen Themen kann man ein Symptom der Gesellschaft beobachten: ein begründetes Bedürfnis nach Identifikation durch Erkenntnis in einer immer sinnärmer werdenden Welt.

Was bedeutet Geschichte, was ist eigentlich ihr Inhalt, wozu beschäftigt man sich überhaupt damit?
Man braucht erst gar nicht den vielzitierten Satz Schillers bei seiner Antrittsvorlesung in Jena für die Antworten zu bemühen.



Gottfried Benn schreibt 1943 in seinem Tagebuch:

...der Inhalt der Geschichte.
Um mich zu belehren, schlage ich ein altes Schulbuch auf, den kleinen Plötz, Seite 337, über das Jahr 1805. Da findet sich:
Einmal Seesieg, zweimal Waffenstillstand, dreimal Bündnis, zweimal Koalition, einer marschiert, einer verbündet sich, einer erobert, einer tritt zurück, einer wird Kriegsgefangener, geht über den Rhein, erobert Wien, wird erhängt, erschossen.....
Alles auf einer Seite! Zweifellos eine Krankengeschichte von Irren!

Sich mit kulturellen Fragestellungen auseinander zu setzen, heißt zunächst eine Sache aus ihren Voraussetzungen und Folgen zu begreifen. Nur so bietet sich die Chance, aus Vergangenem und Andersartigem das Gegenwärtige zu verstehen und die Zukunft zu erahnen. Denn Geschichte ist der Unterbau der jeweiligen Gegenwart.

Eine Gesellschaft jedoch, die über die Bedingungen ihrer Kultur im Dunkeln tappt, ist im Kant´schen Sinne unmündig und für die Zukunft nicht gerüstet. Sie folgt Führern, deren Qualitäten sie nicht beurteilen kann, fällt auf populistische Demagogen herein, die ihr nach dem Munde reden. Jedoch nur, wer die Koordinaten seiner Existenz weiß und danach handelt und denkt, ist nach Kant mündig. Wer jedoch nichts von seiner Kultur und deren Wurzeln weiß, begreift sich nicht als Teil der Gegenwart und ist daher unfähig, Zukunft zu gestalten.

Die platten Oberflächlichkeiten unserer medienhörigen Welt verschütten immer mehr die notwendigen Fragen nach dem Sinne des Lebens. Und nur die notwendige aufklärerische Skepsis bewahrt uns vor der Endgültigkeit sogenannter Wahrheiten.

Alle menschliche Kultur steckte und steckt voller Widersprüche. Indem wir uns der Welt zuwenden, erfahren wir, warum wir so sind, wie wir sind.
Wenn Kunst und Geschichte den Menschen keine Identifikation mehr vermitteln kann, verstärken wir noch die Ohnmachtsgefühle des Einzelnen. Das aber etabliert noch weiter seine Ich-Schwäche und wird anfällig für das Ausleben und ertragen von Omnipotenzphantasien und unterwirft sich der Diktatur der Mittelmäßigkeit.

Die Beschäftigung mit kulturellen Welten eigener wie fremder Welten darf gerade nicht ein nostalgisches Dorado werden, in das wir vor den Problemen der Zeit in Bequemlichkeit flüchten können.
Sinnvolle Vorstellungen von der Gestaltung des eigenen Lebens setzen das Wissen um die inneren Zusammenhänge von Geschichte und Gegenwart voraus. Das Erlebnis fremder wie eigener Kulturen hält für uns solche Lebensentwürfe bereit, wir müssen sie nur im Wortsinne wahr-nehmen. Dabei darf Vergangenes oder Fremdes nicht nur ästhetisch verzückt oder Gefälliges und Extravagantes konsumiert werden. Im Gegenteil, man muss sich von seinen gewohnten Standorten entfernen und darf unbequemen Erkenntnissen nicht ausweichen.

So kann Kunst und Geschichte zur Herausforderung werden an uns und unseren Erfahrungen. Hier kann man die Alternativen zur eigenen Gegenwart, anderen Lebensformen und Weltsichten finden.
Unter dem Aspekt der Identität werden wir lernen müssen, dass Geschichte vor allem belästigen muss. Der Materialismus und die blinde Technologiehörigkeit entfernen uns immer mehr vom Begriff der menschlichen Kultur. Gerade ihr kommt jedoch gerade heutzutage eine lebensnahe und durch keine Medium zu ersetzende Bedeutung zu.

Als zoon politikon ist der Mensch auf Kommunikation angewiesen. Je größer die Informationsverarbeitung, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten zur Identifikation. Nur mit Hilfe der sinnlich erfahrbaren Umwelt kann es dem Menschen gelingen, seine Innenwelt zu stabilisieren. Offensichtlich ist er gezwungen, sich seine Umwelt in Kunstwerken zu schaffen, um überleben zu können.
Diese Werke vermitteln dem Betrachter Einblicke in völlig anders strukturierte religiöse, geistige und soziale Welten. Nur so werden nach und nach die Eigenheiten und Probleme der vergangenen wie der aktuellen Existenz bewusst.

Damit verlieren aber auch die Erscheinungen der eigenen Zeit ihre absolute Geltung und werden im besten Wortsinn fragwürdig. Es wird ersichtlich, dass Wandel und Veränderung die Grundkonstanten unserer Existenz sind.
Geschichte und Kunst kann unseren Erfahrungsschatz bereichern und völlig neue Horizonte erschließen, wenn wir diese Herausforderung annehmen.

cg


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