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Fundamentalismus


Die Welt ist zur Zeit beunruhigt und verängstigt. Die Wurzel allen Übels wird schnell diagnostiziert. Der islamistische Fundamentalismus.

Damit kann man schnell zur Tagesordnung übergehen, einfache Erklärungsmuster lösen das Problem.

So scheint es.

Fallen wir jedoch nicht auf den Alarmismus der Medien herein. Deren zwanghafte Logik besteht aus einem Almalgam von Boulevard und Infotainment. Medienkritiker sprechen mittlerweile vom Krisotainment , das von täglich sich steigerndem Krisenpathos umwuchert wird. Differenzierte Betrachtungsweise? Who cares? Die Auflage stimmt.
Das bizarre Krisengetöse lässt täglich den populistischen Orkus qualmen und bedient ein allgemeines Jammerbedürfnis.

An das hochaufgeladene Thema kühlen Kopfes heranzugehen, dazu bedarf es heute, so scheint es, schon eines großen Mutes und vor allem einer Fähigkeit: sich zunächst einmal Sachkenntnis zu verschaffen.

Dazu bedarf es aber zunächst einiger Bemerkungen:


1.
Unser Weltbild, insbesondere, was den Islam und seine Welt betrifft, ist polemisch. Da ist seit den Zeiten Karls des Großen so.
In unserer mediensüchtigen Welt heute verlangt der Bürger immer mehr nach einem Bild, das Klischees und Vorurteile bestätigt und zugleich den Geschmack nach Sensationen befriedigt.
Wir schauen abschätzig und Besorgnis auf den Teil der Menschheit, die momentan von sich reden macht. Die Sache als solche ist gänzlich unbekannt.

Schnell assoziieren wir mit den Attentaten unsere mediengesättigten Klischees: Waren es in den Fünfzigern der Kommunismus, ist es heute der Islam, der die Welt bedroht. Viele der selbsternannten „Spezialisten“ stehen in vorderster Front im Abwehrkampf wie weiland Karl Martell oder Prinz Eugen vor Wien.

Bei diesem schwierigen und ernsten Thema gilt es jedoch zunächst, die selbstgefällige Arroganz aufzubrechen. Den mit Vorurteilen und Klischees lebt es sich außerordentlich bequem, man weiß mühelos Bescheid über Dingen, von denen man keinen blassen Schimmer hat. Die Meinungsbesessenheit gegen Beängstigend, weil Anderes, ist mit Sachargumenten nur schwer zu durchlöchern.



Dumpfe und beharrliche Ignoranz ist der Treibstoff, um an den entscheidenden Kämpfen um die Lufthoheit über den Stammtischen teilnehmen zu können.

Vorurteile halten sich schon immer hartnäckigst, um Ängste aus Ich-Schwäche zu verdecken. Sie dienen der Abwehr unangenehmer Einsichten. Durch solch undifferenzierte Projektionen wird von eigenen Defiziten abgelenkt.

2.
Wir verstehen andere Gesellschaften nur sehr schwer. Warum können die nicht so sein wie wir?

In Europa hatte es durch Renaissance, Reformation, Humanismus und Aufklärung eine Entwicklung gegeben, die gegenüber dem Rest der Welt einmalig und in der Minderheit ist. Es haben sich pluralistische Gesellschaft entwickelt. Länder, die ihre eigenen Ordnungen behalten haben, wurden zu „Entwicklungsländern“, zu Ländern also, die sich auf die In Europa und Amerika so erfolgreiche Ordnung hin zu entwickeln hatten. Die Frage nach dem „Fortschritt“, den andere nicht zuwege gebracht haben, geht von einem eurozentrischen Weltbild aus, in dem die europäisch-amerikanische Lebensform das Maß aller Dinge sind.

Zurück zum Thema.

Ein Gespenst geht um in Europa..

Was bringt Menschen dazu, sich , um welcher Wahrheit willen auch immer, selbst in die Luft zu sprengen? Für die Parteigänger der Attentate ist Mcworld die Hure Babylon, eine Zivilisation gewordene Gotteslästerung. Jedes Märtyreropfer bedeutet für diese Fanatiker einen hochgradig symbolischen Akt, mit dem die Erniedrigten und Verlierer der Weltgeschichte eine Überlegenheit der ganz anderen Art demonstrieren wollen. Diese Gedanken sind dem frühen Christentum nicht fremd gewesen. Paulus schreibt: „ Nicht ich lebe, sondern Christus in mir“. Damals kannte die menschliche Seele kein höheres Ziel, als Braut Gottes zu werden. Eine solche Weihe bedeutete den Übergang des Menschen in eine sakrale Ordnung, einen Akt höchster Gottgefälligkeit. Paulus: „ denn wer sich erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich erniedrigt, wird erhöht werden.“ Je vollkommener der Mensch sich also abtötet, desto euphorischer erfährt er die göttliche Penetration, sich erbauend an der eigenen Nichtigkeit. Islamische Fanatiker exerzieren diese crude Logik noch konsequenter als das Christentum. Wohin sollte diese fatale Beziehung mit Gott ihre letzte Erfüllung finden als im Liebestod der Seele?

Der buchstabgläubige fundamentalistische Fanatismus steigert die mystische, spirtuelle Aneignung letztendlich zum grausamen Märtyrertod, der seine katastrophale Wirkung nur durch westliche Technik entfalten kann: Medien und Internet.
Warum ist diese todessüchtige Metaphysik besonders in der islamischen Welt so evident, zumal sie diese Regionen am schlimmsten heimsucht?
Das ist ein langes Kapitel.
Die außerordentlichen Kulturleistungen der Vergangenheit drohen durch die faschistoide Ideologie des Terrors unter Berufung auf den Islam diskreditiert zu werden.


©cg