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  • Kamele auf dem Kaisermantel - unser orientalisches Erbe in Europa.
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(Der Titel und nur der Titel dieses Vortrages lehnt sich an den gleichnamigen Buchtitel von Sigrid Huhnke an. Inhaltlich sind die Texte vollkommen unterschiedlich.)

Einer der Schwerpunkte im Studium der Geschichte war das europäische Mittelalter und hier besonders die Universitäts-und Bildungsgeschichte.

In der Vorbereitung zu einem obligatorischen Referat zum sogenannten Investiturstreit kamen naturgemäß auch die Salier, Sachsen und Staufer etc. unter. Der ganze Streit drehte sich doch darum, wer wen in welches Amt einsetzt. Der Papst den König/Kaiser oder umgekehrt.

Es war der Kampf zwischen imperium und sacerdotium,
zwischen weltlicher und geistlicher Macht,
zwischen Kaiser und Papst. Es war die Machtfrage des Mittelalters schlechthin.

Man denke nur an Canossa. Im Ergebnis war es übrigens langfristig für Rom ein Pyrrhussieg. Aber das ist ein anderes Thema.

Nimmt man das Wort Investitur nun unter die Lupe, so wird schnell klar, woran sich der Machtkampf festmachen ließ:

Wer kleidet den neuen Machtinhaber ein?
investire = lat. einkleiden von vestis = lat. das Kleid.

Der Machtinhaber „bekleidet“ also ein Amt.
Oder wird mit einem solchen „bekleidet“. Das darf man ruhig so wörtlich nehmen.

Die Kleidungsstücke und deren Beiwerk waren für die Investitur, also die Krönungszeremonie, neben der Salbung so wichtig, dass sie im Heiligen Römischen Reich als sogenannte Reichskleinodien oder –Insignien schon sehr früh eine sakrale Bedeutung erlangten.

Die Reichskleinodien des HRR lagern seit 1796 in der Schatzkammer der Wiener Hofburg:
Die Zahl hinter jedem Gegenstand bezeichnet das Jahr der Herstellung.

Reichskrone 950
Heilige Lanze 800
Reichsschwert 1050
Reichsapfel 1150
Zepter 1350
Reichskreuz 1024
Reichsevangeliar 800
Stephansbursa 830
Schwert Karls des Großen 850
Krönungsmantel 1133
Krönungsalba 1181
Tunicella 1140
Zeremonialschwert 1120
Handschuhe etc 1220
Div. Reliquiare 1350

Meine besondere Aufmerksamkeit erregte jedoch der sogenannte Krönungsmantel.

In der Mitte, geteilt durch eine Palme (das Motiv steht für den Orient), ergeben sich dadurch zwei identische Felder. Dargestellt ist jeweils ein Löwe (Wappentier der sizilischen Normannen aus dem Hause Hauteville), der ein Kamel reißt( Symbol für die Sarazenen). Es handelt sich also um eine Allegorie der Normannischen Eroberung des maurischen Sizilien und Unteritaliens. Der gefütterte Seidenstoff ist mit Goldfäden durchwirkt und mit über 100 000 Perlen bestückt.

Auf der Saumkante entdeckt man sonderbare Zeichen.

Es ist eine für uns unbekannte Schrift aus dem arabischen, Kufi genannt. Zur Schrift und Sprache werde ich später berichten. Hier die Übersetzung:

Nach dem Segen für den Träger „bismillah irrahman irrahim..“:

„Dieser Mantel gehört zu dem, was in der königlichen Werkstatt gearbeitet wurde, in der das Glück und die Ehre, der Wohlstand und die Vollendung, das Verdienst und die Auszeichnung ihren Sitz haben, hier in der königlichen Werkstatt, die sich guter Aufnahme, herrlichen Gedeihens, großer Freigebigkeit und hohen Glanzes, Ruhmes und prächtiger Ausstattung und der Erfüllung der Wünsche und Hoffnungen erfreuen möge!

Hier, wo die Tage und Nächte im Vergnügen dahingehen mögen, ohne Ende und Veränderung! Im Gefühl der Ehre, der Anhänglichkeit und fördernden Teilnahme im Glück und in der Erhaltung der Wohlfahrt, der Unterstützung und gehörigen Betriebsamkeit! In der Hauptstadt Siziliens im Jahre 528 der Hedschra“


Den entscheidenden Schlüssel zur Einordnung des Textes liefert die Jahreszahl:

528 der Hedschra!

Es handelt sich offensichtlich um eine islamische Zeitrechnung. Denn Hedschra, das ist der Auszug Mohameds 622 uZ aus Mekka nach Medina al Yatrib, bedeutet den Bruch mit der Sippe der mekkanischen Koraisch und den Beginn der islamischen Zeitrechnung.


Die historische Datierung wird uns, die wir eine andere Zeitrechnung besitzen, erleichtert durch die Umsetzung in die gregorianische Kalenderrechnung:1134/35.

Das ist das Krönungsjahr des Normannischen Königs Roger II von Sizilien aus dem Hause Hauteville!
Dieser Mantel ist also der Krönungsmantel der sizilischen Normannenkönige!

Es geht aber noch weiter. Mit Rogers Sohn Wilhelm I. starb die Normannische Linie in Sizilien aus.
Vorher hatte Roger II seine Tochter Konstanze 1186 mit dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Heinrich VI., dem Sohn des Kaisers Barbarossa, verheiratet.
Sizilien wurde nach Konstanzes Tod daher staufisch und dadurch wiederum Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches.

Konsquent hält sich Friedrich II bei seiner Kaiserkrönung 1220 an die „Kleiderordnung“ der Reichsinsignien und trägt diesen Krönungsmantel seiner sizilischen Vorfahren.
Seitdem gehört dieser Krönungsmantel zu den Reichsinsignien und wurde bis 1806 bei der Krönung aller 47 Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches getragen!

(Übrigens: unter den Karolingern bis zu den Ottonen hieß es regnum frankorum orientalium, erst 1157 sacrum imperium, ab 1254 sacrum imperium romanum, ab 1512 mit dem Zusatz nationis germanicae)

Friedrich II, rex Romanorum, Herzog von Schwaben, König von Jerusalem, sizilischer und deutscher König und römischer Kaiser, war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung Jakob Burckhardt nannte ihn „den ersten modernen Menschen auf einem Thron“ seine Zeitgenossen „stupor mundi“.

Geboren 1194 bei Assisi, wuchs er in Palermo (Vater Kaiser Heinrich VI. hat Frau und Kind schnöde verlassen) mit gleichaltrigen Straßenkindern auf. Schon damals fiel er durch seine ungewöhnliche Wissbegier und hohe Intelligenz auf. Er befasste sich bis ins hohe Alter mit mathematischen, physikalischen, philosophischen, theologischen und biologischen Fragestellungen.

Er verfasste ein richtungsweisendes Werk über die Falkenjagd.
Er sprach neben seiner Muttersprache Italienisch weitere Sprachen: Französisch, Latein, Griechisch, Deutsch, Französisch, Arabisch.

Letztere Sprache und Kultur hatte es ihm besonders angetan. Sein Hofstaat, große Truppenteile und die Beamtenschaft seines süditalienischen und sizilischen Reiches bestanden komplett aus Arabern. Er verkehrte mit den politischen und Geistesgrößen seiner Zeit. Thomas von Aquin war der Chef seiner Kanzlei, bevor er Professor an der Sorbonne wurde. Am Hofe Friedrichs lernte er über Michael Scotus Aristoteles aus den Kommentaren des Averroes kennen. Scotus, Zeitgenosse Dantes, lehrte an der weithin gerühmten Übersetzerschule von Toledo Philosophie, Medizin, Chemie und Astrologie aus den einzig verfügbaren arabischen Quellen. Wer sich in Palermo und Umgebung auch heute noch aufhält, begegnet auf jedem Schritt sarazenischen Spuren vor allem in den Bauten und kirchlichem Schmuckwerk

In diesem Dom von Palermo liegen zwei Kaiser des HRR begraben. Heinrich VI und Friedrich II, letzterer in einem arabischen leinenen Sterbehemd, bestickt mit kufischen Lettern: „Dies ist ein Geschenk für den Sultan“, der Metapher für Gott und im Orient bei Begräbnissen üblich.

Nachdem Friedrich II 1209 Konstanze von Aragon geheiratet hatte, kam nach dem Aussterben der Staufer Sizilien über Aragon und Kastilien zu Spanien. Sein spanischer Neffe Alfons X, genannt el Sabio, wurde daher sogar zum deutschen König während des Interregnums 1257-73. Die staufische Wurzel Sizilien zeigt auch das Wappen des Königreiches Spanien unter den katholischen Königen bis hin zu der Zeit Francos.

Bevor ich mich nun dem einstmals gemeinsamen Kulturraum von Orient und Okzident zuwende, ist dazu eine Vorbemerkung
aus meiner Sicht notwendig.

Unser Orientbild ist polemisch zugespitzt oder romantisch verklärt. Sachkenntnis blitzt selten auf, dagegen ist es übersättigt von Klischees.
Der Durchschnittsbürger verlangt wohl nach einem Bild, das Vorurteile bestätigt und zugleich den Geschmack nach Sensationen befriedigt. In der Medienwissenschaft nennt man dies „Krisotainment“. Zentralorgan ist hierbei die Blödzeitung.

Wir schauen abschätzig, gelegentlich unsicher, oftmals überheblich und zugleich mit wachsender Besorgnis auf den Teil der Menschheit, die momentan von sich reden macht.

Hören oder lesen wir vom Orient, tauchen sofort Assoziationen auf: Saddam Hussein,
Bauchtanz, Kamele, Ölscheichs, Harems und Vielweiberei, Massaker in Syrien und Unterdrückung der Frauen.
Solche Klischees sind nicht das Thema heute. Dazu halte ich eigens Seminare ab.

Mit Vorurteilen lebt es sich bekanntlich außerordentlich bequem, man weiß mühelos Bescheid über Dinge, von denen man keine Ahnung hat. Die Meinungsbesessenheit gegen Beängstigendes, weil Anderes, ist mit Sachargumenten nicht zu durchlöchern. Viele selbsternannte „Spezialisten“ drängeln sich vor, um am entscheidenden Kampf um die Lufthoheit über Stammtischen teilzunehmen. Ein Arzt würde schnell einen schweren und pathologischen Fall von Logorhoe diagnostizieren.

Auch in der islamischen Welt gab es schon früh Ansätze zu einer Aufklärung, zu dem Versuch, die Welt rational zu erklären, Glaube und Vernunft in Einklang zu bringen. Das hat in Europa erst Kant und Rousseau ca. 550 Jahre später geschafft. In dieser Zeit (800-1250), die heute abend mein Thema ist, war der Orient dem Okzident wissenschaftlich, kulturell und geistig haushoch überlegen.

Insbesondere an den kulturellen Schnittstellen im Mittelmeerraum, Spanien und Sizilien, erblühten Kunst und Wissenschaft in besonderem Maße.
Die Vielfalt dieser kulturellen Äußerungen zwingen jedoch zunächst zu einer definitorischen Abgrenzung:

1. War es eine arabische Kultur? ja und nein. Arabisch waren Schrift und Sprachen dieser Epoche, arabisch waren einige Dynastien und ein marginaler Teil der Oberschicht. Träger der Kultur waren im Wesentlichen Romanen, Perser, Goten, Syrer, Berber, Griechen, Araber
2. Kann man sie islamisch nennen? Sicher mit größerem Recht. Der Islam war die tragende Idee der Zeit, aber Christen und Juden haben gleichberechtigt mitgewirkt. Und vieles von der Blumenhaftigkeit des künstlerischen Ausdrucks und der Betonung des Lebensgenusses war absolut unorthodox.
3. Vielleicht hat Goethe in seinem West-Östlichen Diwan recht, wenn er diese Epoche als orientalisch empfindet:
4. „ ...herrlich ist der Orient übers Mittelmeer gedrungen, nur, wer Hafis kennt, weiß, was Calderon gesungen...“

Das Wesen des Orients ist vor allem aus dem Geiste seiner Heimat, also nur aus sich selbst heraus verständlich. Es ist das wüstenreiche Vorderasien und Nordafrika, Landschaften von seltener Eintönigkeit und teilweise erbärmlicher Kargheit, mitunter auch in den Oasen von paradiesischer Fruchtbarkeit.

Diese Landschaft vermittelt den größtenteils nomadisierenden Bewohnern letztlich nur das Erlebnis einer ewigen Wiederholung zwischen der Eintönigkeit der Landschaft und der Gleichförmigkeit der Oasen. Dieses Erlebnis der Wiederholung ohne Anfang und Ende wird zum Leitmotiv von Kunst und Glauben.
Die gnadenlose Sonne und die trockene Luft erziehen die Menschen zu einer Klarheit des Denkens, das in der grenzenlosen Einsamkeit dieser Landschaft zur Abstraktionsfähigkeit höchsten Ausmaßes führt.

Nicht ohne Grund finden sich die ältesten Kulturen der Menschheit hier, an den Flüssen des Orients: Euphrat und Tigris, Jordan und Nil.

Zurück zu dem Zeitraum, von dem heute abend die Rede ist: zwischen 700 und 1250. Die rauen Beduinen dringen nach Mohameds Tod in ihrer rastlosen Expansion, die nirgendwo nennenswerten Widerstand erfährt, immer tiefer in andere Kulturkreise ein, wo sie letzte und vergehende Blüten alter Kulturen und morbide Gesellschaften vorfinden. Die Lebenskraft der „ Barbaren“ beflügelt den schwindenden Lebenswillen der alternden Völker und weckt neue Impulse. Ebenso verändern sich die Eroberer nach dem Grundsatz: victi victoribus leges dederunt.

Ich will nun, um den hohen Stand der orientalischen Kultur der damaligen Zeit zu beschreiben, einige Beispiele aus der Wissenschaft beleuchten:


Die Mathematik

Auf dem Gebiet der Zahlenlehre waren es arabische Gelehrte, die erkannten, dass das römische Zahlensystem für komplizierte Rechenoperationen immer ungeeigneter wurde. Sie führten deshalb die in Indien entwickelte Stellenschrift ein, die mit neun Zahlensymbolen auskam, denen sie die 0 beifügten.

Der Syrer Al Quarismi war es, der im 9.Jahrundert diese Zahlenlehre in Bagdad unterrichtete. Er und sein Lehrbuch
algabr wálmquabla auf deutsch Wiederherstellung und Ausgleich, gab der Wissenschaft den Namen: die Algebra und den Algorithmus

Über Spanien und Sizilien gelangte sie ins Abendland, wo wir heute noch mit diesem System rechnen. Der spätere Papst Sylvester II (950-1003 studierte er in Sevilla und Cordoba), der als Gerbert von Aurillac in Barcelona aufgewachsen war, lernte in Andalusien am Hofe des Kalifen von Cordoba diese Zeichen kennen und rechnete damit.
Aber erst im 13. Jahrhundert führte Leonhard von Pisa- auch genannt „der Rechenmeister Europas“ am Hofe des Staufers Friedrich II in Palermo die arabisch-indische 0 ein. Sie hieß im Arabischen siffr, d.h. das Leere. Aus ihr wird zero zum Begriff für 0.

Andererseits wird dieses Symbol der ungebildeten Mehrheit Europas zum Sinnbild dieser Zahlenwelt, die fortan Ziffern genannt werden. Den Franzosen wird gar die chiffre zur Bedeutung von Geheimzeichen.

Neben syrischen und andalusischen waren es vor allem persische Gelehrte, die dieses Denken zu einer Höhe führten, die erst Jahrhunderte später wieder Descartes erklimmen sollte.
. Man rechnete im 9.Jahrhundert bereits mit Gleichungen mit der Unbekannten X, hatte das Rechnen mit Dezimalbrüchen erfunden , stellte die Funktionen von sinus und cosinus ,von tangens und cotangens auf, stellte Raum- Körper- und Flächenberechnungen an und kannte bereits.Differentialgleichungen..

Astronomie und Geographie

Von allen Fürsten großzügig gefördert, trieb eine Schar bedeutender Geister systematisch Himmelskunde, erforschte den Lauf der Gestirne und kam zu Erkenntnissen, die erst Jahrhunderte später Keppler und Kopernikus wieder aufgriffen.

Im westlichen Persien entsteht im 12. Jahrhundert die größte Sternwarte der damaligen Welt, an der hunderte Gelehrte arbeiteten aus Spanien, Syrien und Persien . Eine 400 000 Bände umfassende Bibliothek war wissenschaftlicher Fundus für alle Interessierten.. Nach diesem Muster baute der spanischen König Alfons X. (ein Neffe des Staufers Friedrich II) von Kastilien in Burgos eine Warte, an der man mit heute noch bekannten trigonometrischen Instrumenten arbeitete. Hier lehrten arabische und jüdische Gelehrte.
Sternenbezeichnungen und astronomische Begriffe fanden über Spanien und Sizilien Eingang in die europäischen Sprachen.

Parallel dazu vollzieht sich die Erforschung der Erde.
Pilger- und Handelsreisen führten durch die gesamte Welt. Es gab reichlich Gelegenheit, fremde Länder zu sehen, zu erforschen und den wissenschaftlichen Austausch mit den bedeutendsten Geistern der damaligen Epoche zu pflegen.
Der Berber Ibn Batuta aus Tangja( Tanger) und der Syrer.Madrußi aus Bagdad führten ein 20 Jahre langes Leben auf Reisen zwischen China und Spanien und berichteten über ihre Forschungsergebnisse in ihren Werken.

Der in Cordoba studierte Idrißi veröffentlichte 1145 bereits 70 Landkarten Europas, Asiens und Afrikas sowie eine zwei Meter im Durchmesser messende.Weltkarte. Sie basiert auf der Kugelgestalt der Erde und ist von einer Meßgenauigkeit von 200 Metern gegenüber heutigen Meßmethoden. Sie wird von einer mehrbändigen Erdbeschreibung kommentiert und bleibt für Jahrhunderte Standardwerk der Welt in Orient und Okzident.
Kolumbus benutzt diese Kartenwerke, die er in der Universität von Salamanca studiert hatte, für seine Reiseplanungen und nahm auch arabische Seeoffiziere und Dolmetscher mit.

Der Arzt, Mathematiker und Philosoph Avicena schließlich begründet die Wissenschaft von der Geophysik und der Geologie.

Medizin

Berberische, persische und andalusische Gelehrte treiben diese Wissenschaft auf ihren damaligen Höhepunkt.
Ibn Nafis aus Damaskus entdeckte bereits im 13. Jahrhundert als erster das Gesetz des Blutkreislaufes, 400 Jahre vor dem Engländer Harvey und 300 Jahre vor dem Spanier Servede, der eben wegen dieser wissenschaftlichen Erkenntnis in Genf auf dem Scheiterhaufen neben Johann Huss verbrannt wurde.
Der Perser Ibn Sinna ( Avicenna) entdeckte die Erreger des Milzbrandes und der Gelbsucht , führte Urinuntersuchungen ein, verordnete Wechselbäder, betrieb Krebsvorsorge und entdeckte den infektiösen Charakter der Tuberkulose. Er verfasste ein über Jahrhunderte wirkendes richtungsweisendes Werk der Geisteskrankheiten und gilt als Begründer der Augenheilkunde sowie Entdecker der Ursachen von Kreislaufstörungen

Im 9. Jahrhundert lebte Abu Bakr Ar Rasi, dessen Bücher heute noch den Grundstock der Sorbonne bilden. Sein Standbild steht im Audimax. Er las vor überfüllten Hörsälen an den Hochschulen des Orients, veröffentliche über 300 medizinische Werke, darunter eine 30-bändige Enzyklopädie der Medizin, stellte die Chemie in den Dienst der Arzneimittelkunde, betonte aber weiterhin den Vorrang natürlicher Heilmittel und gilt als erster Psychoanalytiker.

Tierexperimente als Forschungsmittel sind seit dem 9. Jahrhundert bekannt. Seit dieser Zeit kennt man Haschisch als Narkosemittel sowie die Wirkung antibiotischer Salben, verwendet Rotwein als Antiseptikum und benutzt die .Schimmelpilze des Peniciliums zur Heilung.

Luftröhrenschnitte sind ebenso bekannt.
Gynäkologie ist anerkanntes Lehrfach an allen orientalischen Hochschulen.
Im 12. Jahrhundert wirken in Cordoba Maimonides und Averroes(Ibn R´schd). Letzterer ist nicht nur Aristoteleskommentator sondern entdeckt die Ursachen der Herzbeutelentzündungen, des Magenkrebses und der Lungenschwindsucht.

Er definierte zu seiner Zeit bereits Infektionskrankheiten und entwickelte daraus flächendeckende Pockenschutzimpfungen.

Im 14. Jahrhundert erkennen andalusische Ärzte den infektiösen Charakter der Pest und treffen Abwehrmaßnahmen, als Kaiser Maximilian I. öffentlich die Pest als göttliches Züchtigungsmittel erklärt, gegen das anzugehen einem Christenmenschen nicht anstünde.

Im gesamten Orient kennt man bereits flächendeckend ärztliche Prüfungen und Approbationsordnungen, regelmäßige Kontrollen aller öffentlichen Krankenhäuser durch Gesundheitsbehörden. Im 10. Jahrhundert besaß allein Cordoba 50 öffentliche Krankenhäuser, mit Bädern und fließendem Wasser in allen Behandlungsräumen.

Dies alles in einer Zeit, als das christlich geprägte Europa noch in der Finsternis religiös begründeter Isolation lag.
Schmutz und Unbildung galt als erstrebenswerte Vorstufe zur Heiligkeit, war gesellschaftliches und moralisches Ideal der höfischen Welt. Nach dem Abschluss der sogenannten Reconquista wurden alle öffentlichen Bäder in Spanien wegen Gotteslästerung zerstört, Ärzte wegen Gotteslästerung auf die Scheiterhaufen verbannt. Man nannte dies dann actus fidei=Autodafe=Akt des Glaubens.

Alle diese Erkenntnisse und Forschungen fanden ihre Vollendung an andalusischen, marokkanischen, ägyptischen, usbekischen und persischen Fürstenhöfen und wurden über Spanien und Sizilien nach Europa gebracht. Dies vollzog sich auf Handelswegen von China bis nach Spanien und fand seine Verbreitung mit Hilfe des Buches, das die Orientalen verwendeten. Nur auf diese Weise war es möglich, dass auch das christlich geprägte Europa aus seinem von Rom verordneten Schlaf erwachte, dass dort Wissenschaften und Künste aufblühten und überall nach dem Muster von Cordoba, Kairo, Fes, Damaskus, Taschkent und Bagdad Universitäten gegründet wurden.

Sprache, Poetik, Musik


Es ist eine Eigenart der arabischen Sprache, dass sie eine Unzahl von Worten hat, die mit gleicher Vokalfolge verschiedene Konsonanten miteinander verbindet. Hier entsteht der Endreim. Diese Versform erobert sich die gesamte Dichtkunst des Morgen- und Abendlandes.

Schon seit dem 5. Jahrhundert u.Z. ist die Versform des Endreimes bei den arabischen Nomaden voll ausgereift, das Spiel mit Rhythmen und Gleichklängen bewusstes Gestaltungsprinzip arabischer Dichtung. Ebenso wie die Arabeske im Ornament, fordert der Endreim im Gedicht die unendliche Wiederholung heraus. Es entstehen die Chassiden, jene typisch arabische Schöpfung, in der Bilder und Gefühle wie Wellen auf Wellen aufeinander folgen. In Andalusien findet sie begeistert Aufnahme im Volk. Mit überwältigendem Wortschatz werden die feinsten Schattierungen menschlicher Gefühle ausgedrückt. So tritt die Lyrik als Kunstform erstmals in den Kreis der Dichtkunst. Vor allem mit ihrer Verehrung der Frau werden sie von französischen Troubadouren (allen voran Chretien de Troyes) aufgegriffen. In Italien ist es Dante als einer der Ersten, der sie aufnimmt, und in im Heiligen Römischen Reich rufen die Minnesänger in dieser Weise einen rauschhaften Frühling der Gefühle hervor. Ritterliches Verhalten bringen die Kreuzfahrer aus dem Orient nach Europa.

Sprachreste in der deutschen Sprache:

Albatros, Admiral, Alabaster, Algorithmus, Alhambra, Alkali, Alkoven, Almagest, Amber, Amalgam, Alchemie, Algebra, Alkohol, Almanach, Amulett, Anilin, Antimon, Arrak, Arsenal, Atlasseide, Aubergine, Aval, Aprikose, Artischocke, Arabeske, Assassine, Azimut, Azur, Baldachin, Beduine, Balsam, Banane, Barock, Benzin, Berberitze, Besan(segel), Bohne, Borax, Borretsch, Bluse, Konditorei, Chiffon, Chemie, Chiffre, Chiffon, Damast, Dame, Droge, Diwan, (Garten)Eden, Elixier, Emir, Estragon, Fanfare, Fata morgana, Fellache, Fries, Gala, galant, Gamaschen, Gips, Gaze, Gibraltar, Gazelle, Giraffe, Gitarre, Harem, Haschisch, Hasard, Havarie, Hellebarde, Henna, Imam, Islam, Ingwer,
Intarsie, Jacke, Jasmin, Joppe, Kabel, Kaliber, Kadi, Kaffee, Kaftan, kaltafern, Kamel, Kamelie, Kampfer, Kandare, Kandis, Karat, Karaffe, Kaper, Karavelle, Karmesin, Kebab, kiffen, Kittel, Karussell, Kies, Klabautermann, Koffer, Koran, Kuskus, Kümmel, Kuppel, Lack, Landauer, Lärche, Laute, Lapislazuli, Lava, Lila, Limone, Magazin, Mandoline, Makrame, Marabu, Marzipan, Massieren, Matt, Maske, Matratze, Minarett, Mokka, Mohair, Monsun, Moschee, Moschus, Mufti, Mumie, Mulatte, Muskat, Muskete, Mütze, Natron, Nabob, Orange, Opal, Papagei, Parzival, Racket, Ramadan, Rasse, Razzia, Pomeranze, Reibach, Reis, Risiko, Rochade, Rock, Sahara, Sahel, Safari, Safran, Sandelholz, Saphir, Satin, Schach, Scheich, Scherif, Saphir, Schanze, Schellack, Schirokko, Sirup, Soda, Sofa, Spinat, Spargel, Talisman, Tasse, Tamburin, Tarif, Tara, Tarock, Tasse, Troubadour, Waran, Watte, Zenit, Ziffer, Zimt, Zucker, Zwetschge...



Musik

Logischerweise folgt dann auch das gesungene Gedicht dem Rhythmus des Endreims. Die uns bekannte und sogenannte arabische Musik gibt es jedoch erst seit 1258, seit der Zerstörung Bagdads durch die Mongolen. Eigentümlich orientalisch oder gar arabisch ist diese Musik nicht.
Über Persien hatten die Araber die pythagoreische Tonleiter kennen gelernt und übernommen. Auf Musikhochschulen wurde sie gelehrt.

Durch fahrende Sänger und weibliche Gefangene fand sie von Andalusien und Sizilien aus Eingang an europäische Fürstenhöfe. Anfangs war sie nur Begleitmelodie des Gedichtes, zu der sich allmählich Instrumente gesellten, die dem Abendland bisher fremd waren: Laute, Gitarre, Mandoline, Tamburin, Schalmei Kastagnetten..- alles arabische Bezeichnungen. Ein großer Musiktheoretiker war der Philosoph und Arzt Avicenna, dessen Lehren über Marokko und Andalusien ins europäische Abendland drangen. In Monte Casino wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Traktat aus dem 11. Jahrhundert gefunden, das die bekannten Solminationssilben als arabische Quelle nennt.

Ich erspare mir es, heute auch noch das weite Feld der Philosophie zu beschreiten. Nur das: Ohne Avicenna, Averroes, Maimonides und andere wüssten wir nichts von Sokrates, Platon und Aristoteles. Aber nicht nur als Vermittler, sondern weit mehr als Fortsetzer einer Geisteskultur.


Al Andalus im 9. Jh. uZ

Einen Höhepunkt erlebte dieses Weltgefühl im 9. Jahrhundert unter dem Kalifen Abd er Rahman II in Cordoba. Dank intensiver Kultivierung, Bewässerung und Bewirtschaftung gelang es damals, dem Boden Spaniens die 4fache Ernte pro Jahr abzuringen.

Bergwerke , seit den Tagen der Phönizier stillgelegt, wurden neu erschlossen, Handel und Wandel blühten und die Bevölkerung wuchs von 6 auf 30 Millionen. Überall im Lande wuchsen Prachtbauten aus dem Boden, Moscheen, Brücken, Paläste und öffentliche Parks entstanden. Allein im Landschaftsbecken des Guadalquivir lagen damals 6 Hauptstädte, 80 größere Städte und 300 mittlere.

Aber als die Stadt der Städte galt Cordoba.
Mit ihren 28 Vorstädten war sie im 9. Jahrhundert die größte Stadt Europas mit fast 1 Million Einwohnern.
Cordoba besaß 600 Moscheen,17 Hochschulen
300 öffentliche Bäder , 80 öffentliche Schulen
und 20 öffentliche Bibliotheken , die hunderttausende von Büchern enthielten – in einer Zeit, in der im christlichen Europa keine Stadt solche öffentlichen Einrichtungen kannte und das spanische Kloster Ripoll in den Spanischen Marken sich rühmte, mit 200 Büchern die umfangreichste Klosterbibliothek Europas zu besitzen.

Der Kalif Al Hakam I holte die bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit an den Hof von Cordoba, darunter Averroes, Avenzoar, Avempace, Ibn Chaldun…….

Jeder Moschee war eine Schule angegliedert, jeder Stadtteil hatte eine Schule. Die Bibliotheken waren öffentlich. Der Unterricht an den Schulen war frei. Überall in der orientalischen Welt waren Beauftragte der Kalifen unterwegs und mit dem Ankauf und dem Abschreiben antiker Manuskripte beschäftigt. Allein die private Palastbibliothek des Kalifen Abd er Rahman II soll über 400000 Bücher gezählt haben. Alles vernichtet in den Flammen der Scheiterhaufen der analphabetischen Inquisition.

Ganz Europa strömte nach Andalusien:.
Johannes Goerze, Kanzler Otto des Großen
Roswitha von Gandersheim


Resümee`:
Die europäische Kultur- und Geistesgeschichte ruht auf drei Säulen:
- Der griechisch-römischen
- Der jüdisch-christlichen
- Der islamisch-orientalischen

Alle drei Säulen ein Import aus dem Orient!
Denken Sie an Lessings Nathan!

Daher: ex oriente lux.

So kann ich mich den Worten Goethes in seinem „West-Östlichen Diwan“ anschließen:

„Wer sich selbst und andre kennt, wird auch erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“


©cg