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  • Fundamentalismus
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Ein Exzerpt aus dem Artikel von Oliver Roy, Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris, erschienen in der Zeit Nr. 30/2005-08-01

„ Wiedergeboren, um zu töten“

Den aktuellen Terror halten viele, und das wird uns in den Gazetten immer wieder weisgemacht, für eine Antwort traditioneller muslimischer Gesellschaften auf die Verwestlichung.

Der Fundamentalismus wird gern mit islamischer Kultur gleichgesetzt, die sich der Verwestlichung verweigere. Dann folgt das übliche Gefasel vom Kampf der Kulturen, ein typisches Merkmal völliger Ahnungslosigkeit.

All dies ist falsch!

Tatsächlich leitet sich diese religiös verbrämte Erneuerungsbewegung aus der Entkoppelung von Religion und Kultur ab. Islamischer und christlicher Fundamentalismus entstehen nicht aus der Absicht, ursprünglichen Kulturen neues Leben einzuhauchen, sondern sind Ausdruck einer Kulturkrise in Zeiten der Globalisierung.

Der radikale Terror entwickelte sich vor allem in der zweiten Generation der jungen Muslime in Europa.. Es handelt sich um eine pathologische Folge der Verwestlichung des Islams. Dieser Fundamentalismus äußert sich in sehr modernen Formen von Religiosität, wie sie auch im Christentum zu beobachten sind.

An zentraler Stelle steht das Born again des Individuums, das seinen persönlichen Weg zum Glauben gefunden hat und mit dem überkommenen Glauben der Familie oder des sozialen Umfeldes gebrochen hat.

In der Geschichte des Abendlandes kennen wir die Gefährlichkeit der Wiedergeborenen/ Konvertiten schon lange: Ignatius von Loyola, Torquemada, Theresa von Avila, Bernhard von Clairvaux, George.W.Bush( bekennender Wiedergeborener, wie die komplette Evangelikalenszene der USA mit 88 Mio Mitgliedern!!!)

Im Allgemeinen lebt der „Wiedergeborene“ einen emotionalen und intellektfeindlichen Glauben fern jeglicher theologischer Aussagen!
Nicht immer sind solche Fundamentalismen gewalttätig, immer jedoch konservativ bis reaktionär.

Bei den Muslimen hat die Migration die bis dahin selbstverständliche Verbindung von Religion und Gesellschaft zerrissen. Die Theologie ist losgelöst von der kulturellen Umgebung. Also muß sich der strenggläubige seine Religion selbst neu aufbauen.

Damit setzt er sich auch von gesellschaftlichen Normen ab, die für ihn in der neuen Umgebung keinen Sinn mehr ergeben. Die Religion seiner Eltern ist in eine Kultur gebettet, die nicht mehr die seine ist. In dieser „Islamisierung“ spielt die Theologie keine Rolle mehr. Die religiösen Formen des heutigen Islams finden sich auch im Katholizismus, Protestantismus, selbst im Judaismus.

Diese Wiedergeborenen leiten ihre Identität aus der Wiederentdeckung der Religiosität ab. Die Krise der traditionellen muslimischen Kulturen lassen sich mit der Verwestlichung alleine nicht erschöpfend erklären. Der Hauptangriff der islamischen Fundamentalisten richtet sich gegen die eigene Kultur. Die Taliban kämpfen nicht gegen den Westen, sondern gegen Ketzerei, Häresie und Apostasie.

Bei den Wiedergeborenen, und das gilt auch für Bush, existiert die Welt nur, um die Gläubigen auf ihr Seelenheil vorzubereiten.

Der Staat hat nicht die Aufgabe, soziale Gerechtigkeit oder die Einhaltung der Gesetze sicherzustellen, sondern mit Gewalt die Voraussetzungen zu schaffen, damit die Gläubigen das ewige Leben erlangen. Die Paradiesvorstellungen der drei abrahamischen Religionen sind dabei identisch!.

Der Fundamentalismus ist folglich nicht der Aufstand bedrohter Kulturen, sondern der Aufstand gegen die Moderne, der die Kultur schwinden sieht. Lost paradise! Ist die Parole.

Bei dem spannungsgeladenen Verhältnis zum Islam im heutigen Europa handelt es sich nicht um die Auseinandersetzung zwischen europäischen und orientalischen Werten, sondern um eine innereuropäische Auseinandersetzung über die eigenen Werte: Sexualität, Ehe, Abstammung etc. Es überrascht daher nicht, dass bei den Themen Familie, Sexualität, Geburtenregelung, Abtreibung etc, fromme Muslime und bigotte Christen identische Positionen vertreten.

Lassen sich Muslime eher zu Gewalt verleiten als die Christen ? In Irland stimmt das nicht, der Libanonkrieg wurde durch Christen mit Unterstützung Romas angezettelt, in Sebreniza segnete die katholische Geistlichkeit die Waffen, mit denen Muslime gemetzelt wurden .Massenvergewaltigungen wurden durch katholische Massenbeichten „geheilt“ und so weiter.

Nicht im Koran oder der Bibel oder der Thora liegt die Ursache, sondern in der Tatsache, dass die radikalreligiösen Bewegungen sich gesellschaftliche Brennpunkte für ihre Expansion suchen.

Jetzt kommt eine gewagte Thesevon Roy:

Die radikalen Gruppen finden ihre Anhänger da, wo die extreme Linke einst ihre Anhänger rekrutierte! Für diese Gruppierungen ist nicht der Nahe Osten das Herz einer von Kreuzrittern umlagerten Zivilisation, Sie leben längst im Global Village und leiten ihre Identität nicht von ihrer geographischen Herkunft ab.

Die radikale und gewalttätige Linke hat sich von den gesellschaftlichen Randzonen abgewendet und zielt ins Herz der Gesellschaft. Al Sarkawi im Irak setzt Liquidationen im Internet öffentlich und medial in Szene. Dies stammt nicht aus islamischer Tradition, sondern aus der Inszenierungswelt der italienischen Roten Brigaden bei der Ermordung Aldo Moros.

Die Barbarei des deformierten Denkens umspannt die ganze Welt. Die seit Menschengedenken bekannt Suche nach messianischen Erlösungen findet immer wieder neue Nahrung.

Ihr Zuhause ist eine aus den Fugen geratene Welt.

©cg
Vortrag Krisotainment Positionen des Fundamentalismus