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Ägypten – eine Sinngeschichte in Fragmenten


Aus altägyptischer Sicht ist die Königsherrschaft so alt wie die Welt und wurde am Anfang vom Schöpfergott selbst wahrgenommen.

Der Mythos von Horus und Seth begründet die Genese des Staates durch Überwindung der Gewalt, des Chaos. Das Motiv der Vereinigung ist Versöhnung.

Das Motiv der Königsreise ist identisch mit dem täglichen Lauf der Sonne über den Himmel und nachts durch die Unterwelt.

Die Herrschaft des Pharao hält so den Weltengang in Lauf.
Zum traditionellen Königskonzept des ägyptischen Staates gehört die Vorstellung, dass der Pharao ein Sohn des höchsten Gottes sei, von ihm gesandt und gezeugt, um auf Erden den Menschen Gerechtigkeit zu bringen. So lange diese Kette nicht riss, war für die Wohlfahrt des Landes und den Segen der Götter gesorgt.

Die Erwartungen richteten sich auf den göttlichen Heilskönig, der die Welt zum Besseren bringen würde.

Diesen eschatologischen Ansatz finden wir wieder in den identischen Topoi:
Messias (lat.), Maschiah (hebr.), Mahdi (arab.), Chrästos (altgr.).
Chrästos hängt mit der Königszeremonie zusammen, der Salbung.

Die grundlegende Semantik der Bauwerke ist die Ideologie des Steines als Medium der Unsterblichkeit. Die epochale Wende in der Vorgeschichte ist die Stufenpyramide als Himmelsleiter= Auferstehungsgedanke/Himmelfahrt...

Die Pyramide ist altägyptisch „achet Chufu“
Achet = Horizont. Es bezeichnet die Himmelsregion, in der sich der Himmel der Erde nähert und der Sonnengott am Morgen aus der Unterwelt aufsteigt und am Abend wieder darin versinkt. ( Achet-Aton)

In der Unas-Pyramide in Sakkarah/Memphis sind die Totenrituale aufgeschrieben. Sie sind der älteste religiöse Textcorpus der Menschheit.

Das Gedächtnis braucht der Mensch, um dazuzugehören. Wer nur den Nahzielen seines unmittelbaren Appetits und dem Eigennutz lebt, benötigt kein Gedächtnis. Das Gedächtnis erst macht den Menschen zum Mitmenschen, befähigt ihn zu einem Leben in der Gemeinschaft.

Maat ist der zentrale Begriff, der die Menschen zur Gemeinschaft verbindet und ihrem Handeln Sinn und Richtung gibt. Vergessen bedeutet Handlungsunfähigkeit. Ohne Vergangenheit gibt es keine Existenz. Der Träge hat kein gestern.

Gerechtigkeit = Maat ist das, was die Welt im Innersten zusammenhält, und zwar dadurch, dass sie die Folge an die Tat bindet.

Aus diesem Menschenbild erwächst die Idee vom Totengericht. Im Schwerpunkt der Gerichtsszene liegt die Prüfung des Herzens.
Die gerechte Ordnung ist nicht in die Welt eingeschrieben, sondern muß täglich vom Menschen immer wieder errungen und aufrecht erhalten werden. Das ist Sinn und Auftrag des Staates.

Mit Beginn des Neuen Reiches gibt es einen radikalen Wandel des Weltbildes. Das Grab ist nicht mehr der Ort des Toten. Bisher galt das Jenseits, der schöne Westen, als Fortsetzung des Diesseits. Das Grab ist der Ort einer Fortdauer über den Tod hinaus. Durch die Bilder und Beigaben nimmt der Tote das Diesseits mit.

Durch den Osiris-Mythos und das Entstehen des Totengerichtes erscheint das Jenseits als moralische Anstalt.
Das Leben ist die Festgemeinschaft des Gottes als Jenseitsvorsorge. Das Totengericht ist jene Schwelle, die jeder nach seinem Tode zu überschreiten hatte, um in das Jenseits zu kommen.

Dieser Gedanke des jüngsten Gerichts galt im christlich geprägten Mittelmeerraum bis ins 18. Jahrhundert, bis Kant mit seinem kategorischen Imperativ die Moral auf ein neue Grundlage stellte.

Der Leichnam wird über einen See gerudert, an dessen Ufern 42 Richter Platz genommen haben. Jeder, der etwas gegen den Toten vorzubringen hat, kann sich äußern. Ist die Schuld erwiesen, kann der Tote nicht bestattet werden.

Im Christentum tritt dann an Stelle des Totengerichtes das Weltgericht, das Haus des Osiris wird das Reich Gottes. All dies gründet auf dem Glauben an ein göttliches Gericht und an ein Leben nach dem Tode.

Im Alten Testament dagegen sind diese Ideen eine künftigen Lebens und einer jenseitigen Belohnung fremd. Hier fungiert das göttliche Gesetz als Schuldgenerator. Da es das Jenseits nicht gibt, müssen die Rechnungen im Diesseits beglichen werden. Die Sünden der Väter werden an den Söhnen gerächt und das Volk muß als Ganzes büßen.
Hier entstand erstmals in der Geschichte der Gedanke der Kollektivschuld!

Den alten Ägyptern waren Ihre Götter fremd, fern und verborgen, anders als bei den Griechen. Das hat seinen Grund: Früher lebten die Götter unter den Menschen. Dann aber wurden die Menschen überheblich. Re wölbte den Himmel hoch über die Erde und zog sich mit seinen Göttern in den Himmel zurück. Der Erdgott Schuh hat die Aufgabe, den Himmel hochgestemmt zu halten und damit zugleich die Gottesferne zu sichern.

©cg
Quelle: Assmann- Ägypten,eine Sinngeschichte Zürich 2006