•  
  • Die Gedanken sind frei
  •  
Ein literarisches Rätsel

...Im dritten Akt des Dramas sieht der Zuschauer ein Kabinettstück des politischen Theaters:

Der zur Rebellion entschlossene Protagonist wird vom zu stürzenden König zu einer Privataudienz geladen.
An deren Ende avanciert er zum Vertrauten des Despoten, der jederzeit ungehinderten Zugang zur Krone hat. Und das alles, obwohl er hochverräterische Ideen ausspricht.

Das Spanien des 16. Jahrhunderts ist der Schauplatz, auf dem die politischen Ideen des 18. Jahrhunderts um die Vormacht streiten.

Der Protagonist breitet vor dem König, in dessen allerkatholischem Reich die Sonne nie untergeht, einen Gedankenhimmel aus, der von zwei leuchtenden Fixsternen dominiert wird: Montesquieu und Rousseau, die französischen Aufklärer.

Der Dichter analysiert mit Montesquieu in der Schlüsselszene des 3. Aktes das aktuelle politische System: Monarchien leben vor der Ehrsucht der Höflinge, die aus der Hand ihres Herrschers nur „Maschinenglück“ empfinden, aber keine Freiheit. Für den Dichter besitzt die Tugend jedoch einen „eigenen Werth“, den der feudale Dienst niemals aufwiegen kann. Während in Monarchien allein die „Ehre“ zähle, lebt die Republik von der Tugend ihrer Bürger.
Das Ideal der Gedankenfreiheit stützt sich auf die Überzeugung, dass der Staat dem Menschen zu dienen habe, nicht aber der Mensch der Institution. Hier verteidigt der Dichter im Protagonisten die Autonomie des Individuums. Er proklamiert hier die intellektuelle Freiheit des Menschen, die der wahre Souverän zu schützen habe wie Gott die von ihm geschaffene Natur.

Dagegen setzt der König ein Denkmodell, das aus dem „Leviathan“ des Thomas Hobbes stammt:
Im Staat des Monarchen „ blühe des Bürgers Glück in nie bewölktem Frieden“. Glück entstehe daher durch Frieden als Zustand jenseits von Kriegen..
Hier enthüllt der Dichter durch den Protagonisten die Ordnungsutopie des Absolutismus, „die Ruhe eines Friedhofes“. Diese Kritik am Stabilitätsdenken verweist wiederum auf Rousseau.
In dessen „contract sociale“ finden sich die Wurzeln der Absolutismuskritik des Protagonisten:

„Man wird sagen, dass der Despot seinen Untertanen die bürgerliche Ruhe sichert. Mag sein; aber was gewinnen sie dabei, wenn die Kriege, die sein Ehrgeiz ihnen zuzieht, wenn seine unersättliche Gier, wenn die Misshandlungen unter seiner Regierung sie elender machen als gegebenenfalls ihre eigene Zerwürfnisse? Was gewinnen sie, wenn diese Ruhe gerade eines ihrer Leiden ist? Auch in den Verliesen lebt man in Ruhe, genügt das, um sich dort wohl zu fühlen?“

Der Protagonist allerdings und, und das ist für den Dichter die Tragik, der Anwalt der Menschenrechte, verwickelt sich am Ende in den Schlingen seiner eigenen politischen Ambitionen.
Denn was ihn antreibt, ist auch wieder nur das Streben nach Macht. Dadurch und durch die scheinbare Überlegenheit seines Idealdenkens, gerät er in den Sog der Intrige. Im Protagonisten warnt also der Dichter vor einem Tugendrigorismus, der genauso willkürlich schaltet wie der Despot. Und darin ist der Dichter auch heute noch aktuell.

Der Protagonist verfängt sich in den vom ihm gesponnenen Intrigennetz.
In dem Moment, in dem das Ideal der Menschenrechte auf den Weg der praktischen Umsetzung gebracht wird, gerät es in den Mahlstrom eines Systems, das den Autonomiegedanken missbraucht, Freiheit zum Werkzeug des Nutzens abwertet und letztendlich den handelnden Menschen korrumpiert.

Der Dichter hat , indem er den Protagonisten versagen lässt, die Dialektik der Aufklärung und das Dilemma der Politik gleichermaßen vor Augen geführt. Sein König nimmt am Vorabend der Französischen Revolution den Umschwung in die Schreckensherrschaft voraus.

In der Schlussszene geht aus dem Wettstreit von Menschenrechten und Staatssicherheit eine anonyme Macht als Sieger hervor:
Längst schon hatte nämlich die Inquisition den Protagonisten im Visier ihrer Überwachungs-und Schikanierapparate.

Der Monarch, der den Protagonisten aus Enttäuschung über dessen Verrat töten lässt, hat aber, so der Großinquisitor in der Schlussszene, gegen die Interessen der kirchlichen Gerichtsbarkeit verstoßen.

„Durch uns zu sterben war er da“.

Hier triumphiert der kirchliche Apparat über die Autorität der Krone, die ihren Fehler nur korrigieren kann, indem sie den eigenen Sohn der Inquisition ausliefert. Die anonyme Macht ist aber durch das Versagen der handelnden Personen gestärkt. Weder der Idealist noch der Monarch haben ihr Ziel erreicht.

Die Stabilisierung der Verhältnisse geht einher mit der Gewichtszunahme der Institutionen anonymer Macht.

„ Dem modernen Menschen wird im Zeichen der Arbeitsteilung und der Entfremdung sein Leben nur noch durch ein Formular vorgeschrieben“

Dies stammt nicht von Marx, sondern von dem Dichter in seinen
“Briefen über die ästhetische Erziehung“ von 1795.

Das pessimistische Ende des Monarchen entspricht so gar nicht dem Klischee vom Dichter als Idealisten.

Der Dichter wäre am 10. November 2009 250 Jahre alt geworden.

©cg
frei nach SZ

Fragen:
- Um welchen Dichter handelt es sich?
- Wie lautet das umschriebene Drama?
- Wer ist der Protagonist?
- wer war die zweite Ehefrau des Herrschers? Ihr widmete der
- gesuchte Autor das erste Frauendrama der Weltliteratur.