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  • Arkadien in Preußen - ein Plädoyer für die humanistische Bildung
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Festrede zu einem Neujahrsempfang 2011

In diesem und im letzten Jahr feierten einige kulturelle Schwergewichte Berlins bemerkenswerte Jubiläen:

- Alte Nationalgalerie 150 Jahre
- Humboldt-Universität 200 Jahre
- Staatsbibliothek 350 Jahre
- Akademie der Wissenschaften 300 Jahre
- Universitätsmedizin Charite`300 Jahre
- Max Plank Gesellschaft 100 Jahre
- 100 Jahre Botanischer Garten
- 200 Jahre Naturkundemuseum

Dies habe ich zum Anlass genommen, mich dem Kern meines Anliegens zuzuwenden:

Der humanistischen Bildung.

Und dies in der rhetorischen Tradition der Gerichtsrede, dem Plädoyer. Das beinhaltet u.a. so manche notwendigen Begriffsklärungen, gelegentlich durchaus auch provokante Sentenzen, bisweilen Polemik, den Gebrauch von Metaphern, gelegentlich altsprachliche Aphorismen.

Vier Begriffe gehören also zu diesem Thema:

- Arkadien
- Preußen
- Humanismus
- Bildung

Für alle Begriffe steht für das 19. Jahrhundert stellvertretend ein Name Humboldt.

In Berlin über Preußen erzählen zu wollen, hieße, Eulen nach Athen zu tragen.

Ich wende mich also zunächst etwas ausführlicher dem Thema Humanismus zu, um mich dann dem Bildungsbegriff und seinem heutigen Zustand zu nähern.

Humanismus, der Begriff taucht in der europäischen Geschichte zweimal auf:

In der Renaissance und im beginnenden 19. Jahrhundert als sog. Neuhumanismus.

Den Meisten ist der Name Pergamon zunächst geläufig. Trägt doch das berühmteste Museum in der Hauptstadt seinen Namen. Inhaltlich wird das dann schon schwieriger, thematisch herrscht wahrscheinlich weithin tabula rasa.

In der europäischen Bildungsgeschichte ist Pergamon der topos für die zweitgrößte Bibliothek der Antike nach Alexandria, den Hellenismus und die Gymnasien.

Das Königreich Pergamon war im 3. und 2. vorchristlichen Jahrhundert das Zentrum der hellenistischen Kultur.

Und fast überall in der hellenischen Welt stoßen wir auf schon damals bekannte Gymnasien.

Sie dokumentieren eine der folgenreichsten Entwicklungen in der Geschichte Europas:

Die Öffentlichkeit des Schulwesens.

Im Stadtstaat (polis) der klassischen Zeit Homers war Erziehung (paideia) Privatangelegenheit. Sie lag in den Händen der antiken Großfamilien. Das musste sich jedoch ändern, weil sich diese poleis seit dem 5. Jahrhundert immer mehr demokratisierten.

Die künftigen Bürger (politoi) mussten demzufolge so erzogen werden, dass sie in der Lage waren, in der Öffentlichkeit ihrer polis Mitverantwortung zu tragen. Damit wurde es zu einem öffentlichen Interesse der polis, also politisch, sich auch um die Erziehung der jungen Männer zu kümmern.

Rom hat diesen Gedanken der öffentlichen Angelegenheiten dann übernommen. Sie nannten es res publica.

Quod omnes tangit ab omnibus judicabetur war der demokratische Grundgedanke dabei.

Was die Griechen paideia nannten, also die unterrichtliche Erziehung und Bildung, sollte den Zusammenhang zwischen den Generationen herstellen und so der Gesellschaft ihre Identität verschaffen.
Diese inhaltliche Einheitlichkeit der hellenistischen Bildung beruhte auf einem Ausdruck, der dann im ersten vorchristlichen Jahrhundert auf Latein stilbildend wurde: „humanitas“.

Fälschlich wird dies mit „Menschlichkeit“ übersetzt. Ignoranten belächelten dies sogar als „ Humanitätsduselei“.

Dies trifft jedoch nicht den Kern an Bedeutung, den dieser Begriff für das gesamte europäische Bildungs- und Erziehungswesen gehabt hat.

Die Renaissance hat das Leitbild der hellenistischen „humanitas“ bewusst wieder aufgenommen. Dieser Begriff beschreibt den Versuch der antiken Griechen, den Menschen zu definieren:

Was ist der Mensch?

Auf diese Frage finden wir die Antworten bei zwei Philosophen, die unser europäisches Bildungssystem begründet haben: Platon und Isokrates.

Der Schüler des Sokrates und Gründer der Akademie von Athen entwirft in seinem Hauptwerk „der Staat“ eine utopische Idealpolis als Gegenentwurf zum von ihm so gefühlten moralischen Verfall seiner Zeit.

Mit ihm hat der andere Athener konkurriert: Isokrates, Lehrer und Leiter der ersten höheren Schule unserer europäischen Geschichte:
der Akademie von Athen, also der erste Akademiker!

In der Beantwortung der alles entscheidenden Frage: „Was ist der Mensch?“ stimmten beide noch überein.

Die Antwort lautete nämlich:

Der Mensch ist dadurch definiert, dass er unter allen Lebewesen als Einziger den logos besitzt.

Und logos ist einer der wichtigsten Begriffe unserer europäischen geistigen Tradition.

Die Grundbedeutung ist „Sprache“ und „Denken“.
Descartes erweiterte diesen Gedanken sogar: „cogito, ergo sum“.
Fällt beides auseinander, wird es „unlogisch“.
Gedanken- und pausenloses Plappern nennt man dann auch „Logorhoe“, bzw. lateinisch: verbale Inkontinenz oder gar „Logolallie“.

Beide Philosophen betrachteten die Sprache und demzufolge das Denkvermögen als Unterscheidungsmerkmal, das den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnet.

Daher muss man in allererster Linie die Sprachfähigkeit ausbilden, wenn man einen jungen Menschen vernünftig und erfolgreich erziehen will. Das ist also keine Erfindung von heutigen Schlaumeiern in den Integrationsdebatten. Ich empfehle daher in solchen Fällen, gelegentlich einen Gegenstand in die Hand zu nehmen, den man Buch nennt, und einfach mal vorher nachzuschauen bei den Altvorderen, bevor man in eine Sachdebatte steigt.

Die Sprachfähigkeit erst macht also den Menschen zum Menschen. Daher kommt die Erziehung dem jungen Menschen zugute, sofern er Mensch ist. Das heißt: man erzieht nicht primär einen Athener, Römer, Thebaner, Deutschen, Türken etc. sondern die Erziehungsenergie (eros paidagogos) richtet sich auf das Allgemeine, das alle Menschen als Menschen gemeinsam haben oder haben sollten:

eben diesen logos, die Fähigkeit zu sprechen und zu denken.

Karl Jaspers hat es in diesem Sinne so beschrieben:

„Bildung ist eine Lebensform. Sie ist die Kombination von Denken können und Wissen.“

Um den Begriff logos nicht mißzuverstehen, muss man aber auch wissen, was der antike Grieche darunter verstand. logos wurde u.a. als das verstanden, womit wir Menschen uns gegenseitig Rechenschaft ablegen, d.h. unsere Handlungsweise erklären und begründen.

In der Epoche des Humanismus sahen sich z.B. die christlichen Religionen, die nicht mehr allgemeingültige und allein selig machende Verbindlichkeit waren, auf einmal einem Begründungszwang ausgesetzt.

Dazu kam, dass sie durch das Auseinanderbrechen in gleichlegitime Konfessionen unter Berufung auf dieselben Quellen von jedem selbst überprüft werden konnte.

Nicht mehr Gott war der Maßstab aller Dinge.
Der Grundsatz der griechischen Antike: der Mensch ist das Maß aller Dinge
(ho anthropos meson pantoon)
lebte wieder auf. Daher auch überhaupt der Begriff Renaissance

= Wiedergeburt der Antike.

Diese Selbstermächtigung des Menschen war daher auch ein notwendiger Aufstand gegen eine längstens unplausibel gewordene Moral.

Tiere können einander keine Rechenschaft geben. Deshalb bezeichnen wir ihr Tun auch als Verhalten und nicht als Handeln.

Nur der Mensch als sprachbegabtes Wesen allein kann handeln. Rechenschaft geben heißt daher, sein Handeln zu begründen. Äsop hat es in einer seiner Fabeln so formuliert:

“quidquid agis prudenter agas et respice finem“.

Wie haben nun die beiden Philosophen ihre unterschiedlichen Bildungspositionen begründet?

Isokrates orientiert sich bei seiner Theorie an konkreten Situationen, in denen der Mensch in der Polis handelt, also Politik macht.

Man steht in der polis als zoon politikon/animal sociale gemeinsam vor Entscheidungen.
Überzeugend sind dann diejenigen, die sich in die Argumentation der anderen hineinversetzen können. „Audiatur et altera pars“ forderte Seneca d.Ä.

Den Logos in dem höheren Schulunterricht auszubilden heißt daher für Isokrates, die jungen Männer zur konkreten politischen Urteilsfähigkeit zu erziehen und ihnen dafür das intellektuelle Rüstzeug an die Hand zu geben. Und das ist für ihn die Rhetorik.

Um beim Reden aber Erfolg zu haben, muß der Redner auch als Mensch moralisch glaubwürdig sein. Deshalb ist oberstes Bildungsziel des Rhetorikunterrichts die wegen ihrer Rechtschaffenheit anerkannte Persönlichkeit. Daher ist für Isokrates der Rhetorikunterricht der geeignete Weg, den Logos auszubilden.

Platon hingegen interpretiert den Begriff Logos völlig anders.
Welche Gründe ziehen denn nun für Platon?

Wer versucht, bei den anderen gut anzukommen, redet leicht nach deren Munde, so Platon. Deshalb steht er auch der Rhetorik sehr skeptisch gegenüber.
Wir neigen dazu, sagt er, uns damit zu rechtfertigen, dass andere auch so sind oder auch so handeln. Das aber ist unredlich.

Deshalb muß die Erziehung die jungen Männer davon abbringen, sich an den unvollkommenen moralischen Durchschnitten Anderer zu orientieren, sondern die Aufmerksamkeit auf die vollkommenen Normen zu lenken.

Und dies bietet für ihn nun einmal in erster Linie die Mathematik. Deren Lehrsätze gelten absolut und sind zuverlässig, weil logisch.

Deshalb macht Platon den Mathematikunterricht zur Grundlage seiner philosophisch ausgerichteten Erziehung.

Für die antiken Griechen hat es übrigens selten etwas intellektuell Aufregenderes gegeben als die Entdeckung des mathematischen Charakters der musikalischen Intervalle.

Schönheit und Harmonie beruhen demzufolge auf mathematischer Ordnung. Das ist der Hintergrund, dass noch heutzutage im Wissenschaftskanon die Mathematik mit der Musik zu den Geisteswissenschaften und nicht zu den Naturwissenschaften gerechnet wird.

Cicero zog aus der Definition des Menschen als des einzig sprachfähigen Lebewesens die Konsequenz, mit der er die Tradition der Akademie Athens in Rom wiederbelebte:

In welcher Sprache spricht der Besitzer des logos am besten? Natürlich in der Sprache der Erfinder! Also wurde griechisch die Sprache der gebildeten Römer.

Cäsar sprach an den Iden des März: kai tu emou hyios Brutos!
In der Renaissance war dann Latein die lingua franca der Theologie und der Wissenschaft bis in die Neuzeit.

Alle im Unterricht vermittelten Fähigkeiten, alle diese „artes“ = Künste sollten dazu dienen, aus dem jungen Menschen einen guten Bürger zu machen. Bürger waren in der Antike jedoch nur die freien Männer. Deshalb werden die „artes“ auch als „liberales“ bezeichnet.

Dies wiederum ist die lateinische Übernahme aus dem Griechischen Bildungsprinzip: “en kyklon paidein“.

Wir kennen es heute als „Enzyklopädie“.
„paidaia“ heißt Erziehung und „kyklos“ meint den Kreis der freien Bürger, die für die polis Verantwortung tragen.

Später wurde die Bedeutung des Begriffes dahingehend erweitert, dass er alles Wißbare umfassen sollte. Gegen den tödlichen Widerstand Roms übrigens .

In der eigentlichen Bedeutung sollte es das umfassen, was als Allgemeinbildung für den künftigen Bürger eine Lebensbedeutung hatte.

Und das sind die „sieben freien Künste-artes septem liberales.“

Hier die sprachlich-literarische Dreiergruppe

das „trivium“ (Grammatik/Logik/Rhetorik mit Recht) und dort die mathematisch-wissenschaftliche Vierergruppe

“quadrivium“ (Arithmetik/Geometrie/Musik/
Astronomie).

Dieses Prinzip hat das gesamte europäische Bildungswesen in allen höheren Schulen und den Universitäten vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit geprägt.

Der humanistische Bildungsansatz hat also über 2500 Jahre gehalten. Erst in den vergangenen Jahrzehnten hat dieses Prinzip in Deutschland jedoch rasant an allgemeiner Geltung verloren.

Im 19 Jahrhundert und seinem neuhumanistischen Bildungsideal war die mythische Landschaft Griechenlands, „Arkadien“, noch die Metapher für die klassische Antike als Vorbild für die vollkommene Persönlichkeitsbildung.

Arkadien sollte nach Preußen geholt werden. Berlin titulierte sich deshalb auch als das “Spreeathen”, sprich das intellektuelle Zentrum Preußens als führender Bildungsnation in Europa.

Preußen als Staats-oder Verfassungsgebilde gibt es nun nicht mehr. Das mag man bedauern. Einen König auch nicht mehr. Das muss man nicht bedauern.
Nach weiteren Humboldts sucht man heute vergebens. Das muss man zuhöchst bedauern. Denn die Gymnasien sollen von so Manchen demontiert werden. Hamburg hat kürzlich dieser Absicht eine knallende Ohrfeige verpasst. Und das ist gut so!

Das von mir geöffnete geistige Fenster sollte den Blick auf das intellektuelle Klima eröffnen in einer Stadt, die damals wie heute wieder als eine Weltstadt der Kultur und der Wissenschaft gilt. Politisch eher als Klein-Posemuckel. Egal welcher Couleur.

Die Museumsinsel und die alma mater berolinensis, die Humboldt-Universität, sind bis heute in ihrem Bildungsansatz weltweit Vorbild für alle Museen und Universitäten der Neuzeit nach ihrer Gründung 1810.

Im sog. Exzellenzwettbewerb - man traut sich ja nicht, das Wort Elite öffentlich auszusprechen - besinnt sich die HU wieder ihrer Namensgeber und wird auch deshalb demnächst in den Kreis der Eliteuniversitäten aufgenommen werden.

Diese preußische Bildungs-und Wissenschaftspolitik des 19. Jahrhunderts war lange stilbildend über seine Grenzen hinaus.

Insbesondere mit den Brüdern Humboldt und dem Preußen ihrer Zeit verbindet sich der zentrale Begriff:

Bildung im Gegensatz zur Ausbildung.

Immanuel Kant hatte dazu schon früh das Signal gegeben:

“Das Leben ist kein Dämmerzustand. Worauf es beim Studium der Welt ankommt, ist die Leidenschaft nach Erkenntnis.”

Über Bildung wird hier nun schon seit über vierzig Jahren und wieder nach dem sog. Pisaschock allenthalben nur - schwadroniert.

Insbesondere dort, wo dumpfe Ignoranz der Treibstoff für die Schlachten um die Lufthoheit über den Stammtischen ist.

Für die “Reformer” gibt es endlich mehr Effizienz bei der Nutzung der Ressource Bildung. Von allen Seiten werden Lehrer, Schüler und Eltern mit sich permanent änderndem Reformgetöse geplagt, der populistische und föderalistische Orkus qualmt nach Kräften.

Bildung jedoch bleibt zusammen mit den anvertrauten jungen Menschen auf der Strecke.

Stößt man in alle diese bunten politischen Ballons, welcher Couleur auch immer, mit der Nadel der Vernunft hinein, bleibt nur eins übrig:
ein runzeliger Haufen schlechter Grammatik.

Denn in Wirklichkeit steht Bildung davor, in die Liste der bedrohten Arten aufgenommen zu werden.

Immer mehr Gymnasiasten bringen seit Jahren weder die häuslichen Voraussetzungen noch das intellektuelle Handwerkszeug für die Propädeutik mit, die eigentliches Ziel gymnasialer Bildung ist.

Die Hochschulen unternehmen heute sogar sog. Vorkurse z.B. in Mathematik, um die Studierfähigkeit der Studenten zu ermitteln.

Solides Bildungswissen wurde ausgetauscht gegen beliebige Inhalte möglichst anstrengungsloser und unterhaltsamer Projekte, sogenanntem Edutainment.

Der amerikanische Schriftsteller Neil Postman schrieb schon vor über 30 Jahren sehr hellsichtig:“Wir amüsieren uns zu Tode“.

Lektüren dürften aus Sicht so mancher Schüler den Umfang einer Seite bitte nicht übersteigen und sollten dazu mit allerlei Bildchen besser verdaulich gemacht werden.

Die Aufmerksamkeitsdauer für komplexere Sachverhalte orientiert sich eher am Gebrauch einer Fernbedienung.

Der ungehemmte TV-und PC-Konsum produziert immer mehr soziale Autisten.

Bildung hat etwas mit intellektueller Anstrengung, besser noch: mit Leistung zu tun, mit Rezeption anstelle von Konsum. „per aspera ad astra“ mahnte schon Seneca d.Ä.

Die Fadenscheinigkeit der aktuellen Diskussion über die Zukunft der Bildung und insbesondere der Gymnasien packt dann letztendlich den ohnehin verpönten Elitebegriff auch noch in ideologische Watte:

Eliten oder gar Leistungsanforderungen (horribile dictu!)führen ja bekanntermaßen direkt in den Faschismus.

Alle sollen doch zur gleichen Zeit durchs Ziel kommen. Chancengleichheit nennen die das.
Denn wo alle dabei sind, wird doch niemand mehr diskriminiert! Weg mit den Noten!

Toll! Oder Tollhaus?

Bildungsziele wie geistige Reife, Persönlichkeit, Charakter und Urteilsvermögen spielen kaum eine Rolle mehr und sind wohl unerreichbar oder gar irrelevant.

Bildung wird nicht mehr verstanden als lebensbegleitender Prozess, bei dem der Mensch seine soziale, geistige und kulturelle Kompetenz ständig erweitert.

Heutzutage sind soft skills gefragt.
Das sind sicherlich notwendige Techniken für die heutige Berufswelt, jedoch kein Bildungsersatz.

Diese Degeneration von Bildung soll ihre Besitzer für den Einsatz in der modernen Marktgesellschaft zurichten. Daher wird der Bildungsbegriff immer weiter reduziert auf ökonomische Verwertbarkeit- also Nützlichkeit, Wettbewerb, Konkurrenz, Wohlstand etc….

Mit Bildung als “Lebensform, als Kombination von Denken können und wissen” (Karl Jaspers) hat das nichts mehr zu tun.

Das hat Humboldt nicht gewollt!

Ich nehme die Begriffe wie
geistige Reife
Persönlichkeits-und Charakterbildung
Urteils-und Kritikvermögen,
Verantwortungsbewusstsein,
aktive Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben

noch einmal auf.

Diese Bildungsziele, geprägt von der Gedankenwelt des Humanismus, der Kant´schen Aufklärung und des Humboldt´schen Bildungsbegriffes, sind doch Forderungen, die das Bildungsbürgertum und seit jeher die akademischen Corps, und nur die, sich als ihre geistige Grundlage auf die Fahnen geschrieben haben.

Diese Ziele waren auch durch die Einführung des „studium generale“ die Voraussetzung dafür, dass z.B. der TH Charlottenburg nach dem II. Kriege die Lizenz überhaupt wieder erteilt wurde.

Das Studium generale gibt es in dieser verpflichtenden Form nicht mehr, nur noch als freiwillige Angebote einiger Universitäten für Interessierte. Oder als Privatinitiativen.

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle zum Schluss kommen. Vor ca. 6 Wochen stutzte ich jedoch über eine fast beiläufige Nachricht aus der Wissenschaft in der Tagespresse.

Ich rieb mir die Augen und glaubte es kaum!
Humboldt ist wieder im Kommen! Aber nicht so sehr in seinen Stammlanden – die Zahlen für Latein- und Griechisch-Unterricht steigen erfreulicherweise bemerkenswert –sondern in China!

Trotz so mancher politischen Irritationen entwickelt sich der internationale Kulturaustausch mit China rasant weiter. Insbesondere in den Wissenschaftsbeziehungen treten westliche Länder miteinander sogar in Konkurrenz. Es gilt nämlich, sich strategisch geschickt zu positionieren, um an der chinesischen Bildungsexpansion zu partizipieren.

Unter den deutschen Universitäten ist es die FU Berlin, die zweifellos die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt hat. Sie gehört zu den ersten 9 Eliteuniversitäten in Deutschland, u.a. auch deshalb, weil sie sich seit Jahren zu einer „Internationalen Netzwerkuniversität“
entwickelt hat. Dazu gehören Verbindungsbüros in aller Welt, so auch in China.

Ähnliche Strategien entwickeln auch die USA. D.h. die Universitäten stehen im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe. In Shanghai etablieren die Amerikaner ein „liberal arts curriculum“. Auslandschinesen bauen in Singapore ein „liberal arts college“ auf.

Holla! Dachte ich. Da fallen einem alten Europäer doch die artes septem liberales ein. Das kenne ich doch irgendwoher! Eine breit angelegte Persönlichkeitsentwicklung ist hier Bildungsprogramm!

Das ist ja Humboldt pur!

Mehr als 25 Millionen Chinesen studieren zur Zeit! Den chinesischen Politikern geht es aber nicht nur um Quantität, sondern um Qualität.

Tongshi jiaoyu wird als wichtigstes Kernelement des Studiums angesehen. Und das heißt, ins Deutsche übersetzt:

Studium generale mit dem Ziel der breit angelegten Persönlichkeit!

Nun komme ich wirklich zum Schluss meines Plädoyers!

Bei der ganzen Bildungsdiskussion sollte uns die Besinnung auf die heute vorgestellten geistigen Wurzeln auszeichnen, nicht das lemurenhafte Befolgen von sinnentleertem Nützlichkeitsdenken, bei dem dann intellektuelle Titanen wie Dieter Bohlen letztendlich nur noch als plappernde Biomasse die Bestsellerlisten anführen.

Erhalten und pflegen wir also dieses Erbe der Humboldts, Kants, Platons, Aristoteles, Ciceros, Senecas, Averroes, Maimonides, Avicennas, Ibn Chaldoun u.A. im Sinne von George Bernhard Shaw:

“ Tradition ist eine Laterne. Der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg”

In diesem Sinne schließe ich mit einem akademischen Trinkspruch:

Es lebe das humanistische Gymnasium!
Oder auf Latein:

Vivant, crescant, floreant omnia gymnasia illustria

©cg